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Die Helden von Bern :: damals - heute :: Fußball als Religion


 Fußball als Religion
"Leuchte auf, mein Stern Borussia!"

Die Zeit als Fußballspiele noch reine Freizeitbeschäftigung waren, ist für viele Fans vorbei. Für immer mehr Menschen - so scheint es - sind Fußball-Spieltage heute Feiertage, auf die man sich die ganze Woche über freut. Denn Fußball bedeuted für sie Lebensinhalt. Und der wird von echten Fans wie eine Religion zelebriert - zu sehen beispielsweise an Liedern, Kleidung und der Verehrung der Fußballstars.

 
Dortmunder Fußballfan
Steffi B. - Dortmunder FußballfanVergößern
Für Steffi B. aus Dortmund ist jeder Bundesliga-Spieltag ein Feiertag. Und der beginnt schon morgens im heimischen Garten. Da hisst sie die Flagge ihres Vereins, reckt die Fäuste gen Himmel und spricht ein Gebet: "Sieg, Sieg, Sieg! Lieber Gott! Die Schwarzgelben sind es, die gewinnen müssen!" Durch die weit geöffnete Verandatür hört man bis nach hier draussen die voll aufgedrehte Vereinshymne von CD. Und Steffi singt mit: "Leuchte auf, mein Stern Borussia! Leuchte auf, zeig mir den Weg! Ganz egal, wohin er uns auch führt, - ich werd immer bei Dir sein!" Steffi ist Ende 50 und hat bereits testamentarisch verfügt, dass sie einmal zu den Klängen dieses Liedes beerdigt werden möchte. Im schwarzgelben Sarg.

Von zwei bis drei solcher Beerdigungen pro Monat weiß Bruno Knust zu berichten. Der Ur-Dortmunder und ehemalige Stadionsprecher hat das Fanlied für den BVB geschrieben. Auf die sentimentale Melodie des alten englischen Chorals "Amazing Grace". Ein Lied aus dem Mutterland des Fußballs. "Und in Sachen Inbrunst", meint Bruno Knust, "sind uns die Fans von der Insel um Lichtjahre voraus!"



 
Mainzer Fußballfans
Mainzer FußballfansVergößern
"Borussia ist Religion für mich"

"Wenn du durch Stürme gehst, halte deinen Kopf hoch oben und fürchte dich nicht vor der Dunkelheit. Und du wirst niemals alleine gehen!" so sangen schon vor Jahren die Anhänger des FC Liverpool mit Tränen in den Augen ("You’ll never walk alone!"). Kaum zufällig erinnert der tröstliche Zuspruch dieses Liedes an einen uralten Text aus der Bibel, im Prophetenbuch Jesaja, Kapitel 43.

"Borussia ist Religion für mich", sagt Steffi aus Dortmund. Und meint es auch so. "Ich hab ja sonst nichts Anderes. Darum häng ich mein Herz ganz an den Verein!" Zu jedem Heimspiel trägt Steffi dasselbe Trikot, dieselbe Jacke, Kette, Mütze und dieselben Schuhe. Wenn sie eine Kleinigkeit vergisst und die Mannschaft verliert, "dann sag ich mir: Siehste Steffi: Du hast das Ritual nicht eingehalten …"
Im Keller verwahrt Steffi ihre Club-Devotionalien hinter Glas: handsignierte Bierkrüge, Bälle und Star-Trikots, ihr persönlicher Haus-Altar. "Da darf außer mir keiner ran. Das ist mein Herz und meine Seele von Borussia …"



 
 "Kutte" als liturgische Kleidung

Für die wahre "Fan-Gemeinde" ist Fußball schon lange kein Spiel mehr. Sondern Lebensinhalt. Je schwächer die Anbindung an traditionelle Kirchlichkeit wurde, desto stärker flossen die religiösen Rituale und Symbole in die Fan-Kultur ein: Von der "Kutte" als liturgischer Kleidung über die Pilgerfahrten zum nächsten Auswärtsspiel bis zur Heiligen-Verehrung eines Fußballstars. Aus dem Abendmahlskelch der Kirchengemeinde wurde der kreisende Bierstiefel beim kollektiven Fanclub-Besäufnis, wo Steffi aus Dortmund mit ihren Freunden von den "Hörder Borussen" das gemeinsame Bekenntnis anstimmt: "Wir gehöööören zusammen! Boooo-russi-aaah!"

"Die hohen und niedrigen Feiertage des Fußballs sind an die Stelle des Fest- und Heiligenkalenders im Kirchenjahr getreten", schreibt Dirk Schümer in seinem Buch "Gott ist rund". "Nun kann jeder im beschwingten Auf und Ab des Fußballjahres seine Existenz skandieren und die ewige Wiederkehr empfinden."
Das Stadion ist die Kult-Stätte der Postmoderne: "Hier fragt man nicht nach arm oder reich. Wir Fans auf der Tribüne, wir sind alle gleich", heißt es in der Borussia-Hymne.


Fußballfans
Wichtige Fußballspiele sind Feiertage.Vergößern
 Unvergängliche Gefühle nur im Stadion

Dass der Profi-Fußball längst ein eiskalt kalkuliertes Geschäft geworden ist, dass die Fans mit überteuerten Eintrittskarten und albernen Merchandising-Produkten vom Borussia-Senf bis zum Vereins-Schnuller für Babies zur Kasse gebeten werden, alles das nehmen die wahren Clubanhänger gern in Kauf für das große Erlebnis beim nächsten Spieltag: "Trauer, Glück, Erfolg, Jubel, Tränen … Alle Gefühle, die im normalen Leben auftauchen, werden hier innerhalb von 90 Minuten komprimiert auf einen losgelassen", erzählt ein Borussia Fan von der Südtribüne begeistert. Und die Anhänger des Karlsruher Sportclubs singen: "Viele Dinge auf der Welt kann man kaufen für Geld. Doch auch du, du wirst sehn: Diese Dinge vergehn."

Als "unvergänglich" und heilig erlebt die Fan-Gemeinde nur eines: "Wär da nicht dieses starke Gefühl, das ich hab bei jedem Spiel. Einfach da, einfach groß und es lässt mich nicht mehr los!" – "Fußball beruht auf dem Prinzip Hoffnung", schreibt Dirk Schümer. Gerade darin liege seine Anziehungskraft für viele, "die vom Leben sonst nicht viel zu hoffen haben. Dieses Erleben der unwahrscheinlichen, aber dennoch niemals ganz unmöglichen Rettung, beispielhaft verkörpert durch den genialen Torschuss in der letzten Minute, verbindet den Fußball mit der Religion. Es gibt eine Regel und es gibt die Chance, unter Einhaltung dieser Regel zum Heil zu gelangen." Genau das geschah 1954 beim legendären "Wunder von Bern". Das 3:2 der deutschen Nationalmannschaft, der völlig unerwartete Weltmeistertitel der underdogs, errungen gegen die haushoch überlegenen Ungarn, wurde wie ein Osterfest gefeiert: die "Auferstehung" einer ganzen Nation.


 
 Dem Fußball verfallen

Bleibt die Frage: Wie bekloppt muss man sein, um das Ballgetrete von 22 schwitzenden Männern zur Ersatz-Religion zu erklären? Wie ist es möglich, dass ein Fußball-Länderspiel ein ganzes Land vor den Fernsehschirmen vereint und die Information über die ausgeleierten Außenbänder an den O-Beinen eines x-beliebigen Innenverteidigers jede politische Intrige aus den Nachrichten verdrängen kann? Die Antwort von Buch-Autor Dirk Schümer ist so lapidar wie einleuchtend: "Es ist Quatsch, aber wir sind ihm verfallen!"

Und so wird BVB-Fan Steffi auch beim nächsten Heimspiel wieder ihre Flagge hissen, um danach laut singend im Stadion einzuziehen: "Ich geh mit dir, Borussia! Für dich ist mir kein Weg zu weit! Ich geh mit dir, Borussia! Bis in alle Ewigkeit!"


 
 Von Martin Buchholz

 

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