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Die Helden von Bern :: damals - heute :: Fans: Mit Hut zum Finale


 Fußball-Fans
Mit Schwarzwaldhut zum Finale

Schottlands Trainer-Legende der 60er und 70er Jahre, Jock Stein, hat es treffend formuliert: "Der Fußball ist ohne Fans überhaupt nichts. Die Fans sind das Lebenselixier des Spiels." Ein wahrer Satz - Fußball ohne Fans ist wie Suppe ohne Salz. Das war schon immer so. Natürlich hat sich die Fankultur, wie man sie heute in den Stadien antrifft, erst mit den Jahren entwickelt. Fanklubs, Fankleidung, Gesänge, Fan-Choreografien – das alles gab es in den Anfangsjahren des Fußballs nicht. Doch auch 1954 bei der WM in der Schweiz haben schon viele Schlachtenbummler die deutsche Mannschaft zu ihren Spielen begleitet und sie angefeuert. Wenn auch ganz anders als heute.

 
Fußballfans 1954
Fußballfans 1954Vergößern
Herbert Siemes war bei der WM 1954 als Fan live dabei. Der damals 34-Jährige hat die Vorrunde gesehen, das deutsche 4:1 in Bern gegen die Türkei, vier Tage später das 3:8-Debakel in Basel gegen Ungarn. Unterwegs war er mit einer 16-köpfigen "Reisegruppe", wie er heute bezeichnenderweise sagt. "Wir waren alles ehemalige oder aktive Fußballer, übrigens ausschließlich Männer." Aus Kostengründen wurde in einer Pension im Schwarzwald genächtigt, zu den Spielen reisten die jungen Männer vom Niederrhein jeweils per Zug in die Schweizer Stadien. Äußerlich durchaus als Fangruppe erkennbar: "Wir haben uns alle so kleine grüne Schwarzwälder-Hütchen mit einer Feder obendrauf gekauft. Da konnte man uns zwar nicht auf den ersten Blick als Deutschland-Fans erkennen, aber man sah zumindest, dass wir zusammengehören."

Im Stadion angekommen, stellten sich die jungen Herren auf die Ränge und schauten das Spiel an. Sehr diszipliniert. Angst vor Fan-Ausschreitungen mussten die Ordnungshüter damals jedenfalls nicht haben. "Man stellte sich einfach auf die Ränge und schaute das Spiel an. Natürlich wurde laut gerufen und gejubelt, aber Fan-Gesänge oder so etwas hatten wir damals nicht", berichtet Siemes. Von seiner Reisegruppe mit ihren grünen Hütchen einmal abgesehen, trugen Fußball-Fans damals auch keine spezielle Kleidung - man kam mit Stock und Hut zum Fußball. Fan-Schals, -Fahnen oder gar "Kutten" waren noch unbekannt.


 
 Kommerzialisierungsschub durchs Fernsehen

Überhaupt: Als der Fußball um die Jahrhundertwende laufen lernte, gab es noch keine Fans. Wer sich für Fußball interessierte, spielte selbst. So sahen das erste Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in Hamburg 1903 nur 1.200 Menschen. Der Durchbruch zum Zuschauersport erfolgte erst nach dem ersten Weltkrieg. 1920 sahen 35.000 das Finale in Frankfurt, zwei Jahre später in Berlin waren es sogar 58.000.

Aber erst der Einbruch des Fernsehens in die Welt der Fans bewirkte in den 60ern einen Kommerzialisierungsschub mit weitreichenden Veränderungen des Fanwesens. Die Familienväter gingen immer weniger in die Stadien, dafür kamen jugendliche Anhänger, die sich immer stärker in Fanclubs organisierten. Bengalische Feuer, Fahnenschwenker, Trommler, Vereinshymnen und Hassgesänge wurden rituelle Begleiterscheinungen einer regelrechten Fankultur. Man ging als Fan nicht mehr nur mal eben am Wochenende ins Stadion, um ein Spiel anzusehen. Als Anhänger eines Klubs lebte und litt man die ganze Woche, die ganze Saison mit seinem Lieblingsverein.


Fußballfans 1974, Foto: dpa
Fußballfans 1974Vergößern
Katastrophe in Hillsborough 1985, Foto: dpa
93 Tote bei der Katastrophe in Hillborough, EnglandVergößern
Krise und Katastrophen in den 70er und 80er Jahren

Mitte der 70er Jahre gerieten der Fußball und seine Fans in eine erste Krise. Schnöder Ergebnisfußball auf dem Rasen und Fans in den Kurven, die vor allem durch Grölereien und Gewalttätigkeit auffielen, brachten den Sport in Misskredit.

Tiefpunkte dieser Entwicklung waren die Katastrophen in den 80ern. Im Mai 1985 verbrannten im englischen Bradford 57 Zuschauer bei einem Tribünenbrand, nur 18 Tage später ereignete sich in Brüssel die so genannte "Heysel-Katastrophe". Vor dem Finale im Europacup der Landesmeister wurden bei Ausschreitungen von Liverpool-Fans 38 Menschen (zumeist Anhänger von Juventus Turin) getötet, als eine Tribünenwand in der baufälligen Arena zusammenbrach.

1989 passierte dann die verheerende Katastrophe im Sheffielder Hillsborough-Stadion. Beim Halbfinale im FA-Cup zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest wurden 96 Fans der "Reds" auf einer überfüllten Tribüne zu Tode gequetscht.


 
 Stadionbesuch wieder stärker gesellschaftlich akzeptiert

Hillsborough war symptomatisch für die Krise des Fußballs - hernach traten immer stärkere Veränderungen im Fanwesen ein. Stehränge in den Stadien wurden reduziert, der Stadionbesuch wurde immer stärker kommerzialisiert. Was auch zur Folge hatte, dass er gesellschaftlich stärker akzeptiert wurde. Heute ist der Besuch im Stadion wieder etwas für die ganze Familie – vorausgesetzt, sie kann sich die zum Teil horrenden Eintrittspreise erlauben. Denn auch dies ist eine Folge der kommerziellen Entwicklung: Fußball-Fan sein kann sich heutzutage nicht mehr jeder leisten. Herbert Siemes, der beim WM-Finale 1954 noch 15 Mark für einen Tribünenplatz bezahlte, könnte es womöglich - aber er will nicht mehr: "Nein, ins Stadion gehe ich nicht mehr. Dieser ganze Firlefanz dort ist nichts für mich."

Fußballfans, Foto: dpa
Fußballfans des 1. FC Köln 2002Vergößern
 

 
 Olaf Jansen

 

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