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Etikett vom ndr Foto: NDR

Erziehung

Elternführerschein für frisch gebackene Eltern?

Eine Art Führerschein für die Kindererziehung könnte helfen, einer Überforderung vor allem junger Eltern vorzubeugen. Aber darf der Staat Eltern verpflichten, Erziehungskurse zu absolvieren?

Mann bemalt schwangeren Bauch seiner Partnerin Foto: Picture-Alliance/dpa

Geburtsvorbereitung in der Elternschule: Hilfe für werdende Eltern

Für den Staat ist es ohne Frage eine Gratwanderung, inwieweit er in das Privatleben seiner Bürger eingreifen kann und darf. So hat er zwar eine Fürsorgepflicht zu erfüllen, kann im Fall der Kindererziehung jedoch schnell in die Rolle des "Big Brother" geraten und somit Empörung auslösen. Wenn aber die Behörden nicht oder zu spät hinschauen und eingreifen, dann ist der Aufschrei groß, wenn z.B. ein Fall von Kindesmisshandlung bekannt wird.

Die Frage, ob der Staat in das Selbstbestimmungsrecht von Eltern eingreifen darf, ist sicherlich rechtlich, aber auch ethisch zu komplex, um sie in der Kürze angemessen zu beantworten. Was sich jedoch sagen lässt ist, dass oftmals mehr für das Wohl der kleinen Mitbürger getan werden könnte, wenn der Staat präventiv und unterstützend tätig wäre. Wie? Durch mehr Eigenverantwortung und Stärkung der Eltern. So heißen einige Kurse nicht umsonst: "Starke Eltern, starke Kinder". Der Titel stammt vom Deutschen Kinderschutzbund, der deutschlandweit Kurse unter diesem Namen anbietet.

Elternschulen - Hilfe im Alltag und bei Stress

In den meisten Städten gibt es für Eltern mit Babys und Kleinkindern meist staatlich geförderte Elternschulen sowie diverse Hilfsangebote von unabhängigen Organisationen, z.B. von Geburtshäusern oder von Pro Familia. Diese Einrichtungen unterstützen und beraten junge Familien bei verschiedenen Fragen zu Erziehung und Gesundheit. Sie sind Organisatoren, Freizeitgestalter für Eltern oder "Kennenlernhilfen in der Nachbarschaft". Pädagogen, Erzieher und Hebammen wissen außerdem Rat zum Umgang mit Schreibabys, Ängsten oder Trotzphasen der Kleinen. Hier ist dann ab und zu die Rede vom "Elternführerschein". Von einigen Elternschulen werden solche Kurse angeboten. In ihnen wird Eltern vermittelt, wie sie Stress, Unsicherheit und aufkommende Aggressionen dem eigenen Kind gegenüber bewältigen können.

Risikofamilien ansprechen

Das Problem ist allerdings häufig, dass die vielen Angebote zwar von mittelständischen Familien genutzt werden, von so genannten Risikofamilien jedoch selten. Für sie sei der Schritt zu einem regelmäßig stattfindenden Kurs zu weit, so Hanna Cöllen und Heike Vieth, Leiterinnen der Elternschule Eimsbüttel in Hamburg. Die meisten ihrer Angebote sind daher als offene Gruppen konzipiert. Da bei diesen das Anmeldeprozedere wegfällt, ist die Hemmschwelle oft niedriger, sich Unterstützung für den neuen Lebensabschnitt zu holen.

Dennoch erreiche man Risikofamilien meist nicht auf der Basis der Freiwilligkeit, sondern nur über andere Wege wie das Jugendamt, so Ruth Enste, Leiterin des Hauses Mignon, dem Institut für ambulante Heilpädagogik und Frühförderung in Hamburg. Eine Umfrage der Zeitschrift "Geo Wissen" im April 2006 ergab, dass sich fast jeder zweite Bundesbürger für verpflichtende Erziehungskurse für werdende Eltern ausspreche. "Die Probleme verwahrloster Familien kriegen wir nicht mehr allein durch Freiwilligkeit in den Griff", so Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld.

Frau und Kinder baden eine Puppe Foto: Picture-Alliance/dpa

Warten auf das Geschwisterchen: Geburtsvorbereitung für Kinder

Eltern in der Pflicht: Ansätze und Vorbilder

Bis 2004 gab es von der Arbeiterwohlfahrt das Projekt "Mobile Elternschule". Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, in ländlichen Regionen, wo es kaum Treffpunkte für Familien gibt, Eltern- und Familiengruppen zu organisieren und eine langfristige Sicherung von Kursen durch örtliche Träger zu erreichen.

Ein Projekt, das Risikofamilien als Zielgruppe hat und in Hamburg und Berlin arbeitet, ist Steep. Diese Art der Elternschule kommt aus den USA und ist entwickelt worden, um frühzeitig Mutter-Kind-Beziehungen in Risikofamilien zu verbessern. Mitarbeiter des Frühinterventionsprogramms sprechen Eltern bereits in Geburtskliniken an. Die Betreuung mit Einzelberatungen, Gruppensitzungen und Hausbesuchen dauert im Idealfall zwei bis drei Jahre. Ziel ist, dabei zu helfen, dass sich Kinder aus sozial belasteten Milieus zu stabilen Persönlichkeiten entwickeln.

Auch Schulen können Eltern stärker in die Pflicht nehmen. Eine Berliner Hauptschule hat es vorgemacht und verpflichtet Eltern seit einigen Jahren zur Teilnahme an Seminaren, indem es die Aufnahme der Schüler daran knüpft. Die Schule setzt klare Grenzen und Regeln für Kinder und Eltern: wer die nicht einhält, muss Konsequenzen tragen. So können Jugendliche, die zu spät zum Unterricht erscheinen aus Lerngruppen ausgeschlossen werden und Eltern, die dreimal nicht zum Eltern-Seminar erscheinen, müssen ihr Kind auf einer anderen Schule unterbringen - einmal soll das bisher vorgekommen sein. Mit dieser Konsequenz wird den Eltern geholfen, selbst konsequent in der Erziehung zu sein.

Elternführerschein als Verpflichtung?

Es gibt viele Projekte zur Unterstützung von Eltern. Problematisch ist die freiwillige Teilnahme. Es erscheint daher sinnvoll, Risikofamilien gezielt anzusprechen, bevor das sprichwörtliche Kind in den Brunnen gefallen ist. Präventives Handeln ist ein Schlüsselelement. Ziel aller Projekte sollte es sein, die Eigenverantwortung von Eltern zu stärken, damit sie Sicherheit gewinnen und zu starken Eltern starker Kinder werden.

Autorin: Petra Märlender

Weitere Informationen zum Thema:


ndr | Stand: 04.04.2007
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