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Etikett vom WDR Foto: WDR

Leben 2050

Zwischen Systemabstürzen auf Kindersuche

Nur meinem Sohn aus erster Ehe habe ich es zu verdanken, dass ich in der Mehrgenerationenhaus-Siedlung "Am Kinderweg" eine Wohnung bekommen habe. Das macht mich heute, am 05.04.2050 bereits zu einem Exoten: Ein Mensch mit minderjährigem Kind.

Unser intelligentes Haus weckt mich immer wieder überraschend. Nachdem es die Vorhänge geöffnet und mein Zimmer zu heizen begonnen hat, arbeitet es mit ständig neuen Kombinationen aus Licht- und Klang-Effekten. Heute dagegen Stille: ein Systemabsturz. Taji Amidu, einer der afrikanischen Migranten im Haus, die mindestens jeden dritten Bewohner stellen, holt mich auf konventionelle Art aus dem Bett.

Der Systemingenieur wurde über eines der vielen Einwanderungsprogramme nach 2020, als ein Großteil der Babyboomer in Rente gingen und der Arbeitsmarkt vor dem Kollaps stand, ins Land geholt. Taji läuft zur Steuerung der Com-Monitore zurück, unserem wichtigsten Kommunikations-Tool. Sie sind vernetzt mit allen Privat-PDAs und den anderen Häusern der Siedlung. So bietet zum Beispiel einer der Senioren aus dem Nachbarhaus an, bei der Kleinkindbetreuung einspringen zu können. Immer wieder ein Lacherfolg, darum reißen sich schließlich alle.

"Beerdigung" eines CareBots

Beim Zähneputzen überfliege ich die auf den Spiegel projizierten Nachrichten, die meinem Profil entsprechend zusammengestellt sind. Eine skurrile Geschichte illustriert die Debatte des Europaparlaments über die Rechte hoch entwickelter Roboter: Die 81-jährige Paula Modovar aus Wales hat ihrem CareBot, ihrem Pflegeandroiden, einen Gedenkstein errichtet, nachdem der wegen eines Dauerfehlers verschrottet worden war. "You were the best friend a girl could wish to have" - Ich muss los.

Gut beschirmte Königskinder

Mit dem transmodalen Nahverkehr, kurz: TransMod, einer computergesteuerten Vernetzung von Pkw-Zubringern, Zug- und Kabinensystemen, fahre ich ins Essener Zentrum, das nach den Vorstadt-Exzessen der Vergangenheit seit Jahrzehnten revitalisiert wird und kaum noch Leerstand kennt. Vorbei geht es an den gated communities der Reichen Richtung Büroviertel. Während die Fahrzeuge des Privatverkehrs wegen der langen Grünphasen für Senioren an jeder Ampel hängen bleiben, ist TransMod zum Glück mit den Ampelschaltungen vernetzt.

Normalerweise fahre ich mit dem Rad zur Arbeit: ein echtes Vergnügen, seitdem alle Bürgersteige abgeschrägt wurden. Mit der Maßnahme reagierten die Kommunen auf die Kampagnen um Barrierefreiheit, Universal Design und Access all Areas. Heute aber ziehe ich TransMod vor, so sehr regnet es. Kein Wunder, dass die so genannten "Königskinder", der rare Nachwuchs der Wohlhabenden, von ihren Betreuern nur gut beschirmt zu den Fahrzeugen gebracht werden. Über ein Fenster auf ihrem Kommunikator verfolgen die Eltern jeden Schritt der kostbaren Kleinen  - "big mama is watching them"

Gegenüber das Kinder-Reich

Nach meiner ersten Ehe und staatlich geförderten Vaterzeit bin ich nur kurzzeitig wieder fest angestellt gewesen. Mein Sabbatical für eine späte Doktorarbeit scheiterte, deshalb bin ich freiberuflich ins chinesische Hengyang gegangen, habe dann ein paar Monate, abermals unter Anrechung von Rentenzeiten, meinen Vater gepflegt und bin schließlich im Alter von 55 Jahren als Flex Worker für mehrere Firmen nach Essen zurückgekehrt.
Mein Büro liegt direkt gegenüber von dem Bürgerzentrum "Kinder-Reich", das zugleich Vereinshaus, Seniorenzentrum und Kindertagesstätte ist. Für die Älteren, von denen die meisten keine Enkel mehr haben, eine der wenigen Möglichkeiten, Kindern überhaupt noch zu begegnen.

"Hermänner" in China

Am Abend bin ich mit meinem Kollegen Ralf zum Essen verabredet. Der 69-Jährige sorgt sich, dass die Anhebung des Rentenalters von 74 auf 76 ihn noch treffen könnte. Rebecca kommt mal wieder zu spät, aber mit gutem Grund: Sie war gerade in ihrer Fortpflanzungsklinik - wenn alles gut geht, sollte kurz nach ihrem 67. Geburtstag die Schwangerschaft beginnen.

Wieder einmal sind wir beim Thema Kinder gelandet und der zunehmenden Stigmatisierung der Kinderlosen. In Anlehnung an Eva Herman, eine Autorin, die wohl kurz nach der Jahrtausendwende prominent war, hat sich die Lobby-Gruppe der "Hermänner" gegründet, bekannt für ihre massive antifeministische Kampagne.

Chinesische Freunde via Datenbrille zugeschaltet

Kurz vor Mitternacht schalten sich noch zwei Freunde aus meiner Zeit in Hengyang auf unsere Datenbrillen, sie sind gerade aufgestanden. Auch in China sind die "Hermänner" inzwischen in einer Talk-Show aufgetreten, zusammen mit einem der inzwischen hoch betagten Vertreter der Ein-Kind-Politik. Es muss eine amüsante Sendung gewesen sein. Doch gerade in dem Moment, als sie uns Ausschnitte daraus auf unsere Datenbrillen aufspielen wollen, endet der Tag, wie er begonnen hat: blau blinkt es "System Error".

Autor: Kai Clement


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Diese Reportage aus dem Jahr 2050 beruht auf freier Erfindung und einem ausführlichen Interview mit Cornelia Daheim, "Head of International Future Research", der Zukunftsforschungsagentur "Z-Punkt" mit Sitz auf Zollverein in Essen. Außerdem flossen Informationen aus  dem Z-Punkt-"Magazin Nr. 1" ein, einer fiktiven Publikation aus dem Jahr 2050.
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Weitere Informationen zum Thema:


wdr | Stand: 04.04.2007
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