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Etikett vom SWR Foto: SWR

Statistik und Studien

Zahlen und Fakten rund ums Kind

Zahlen sind etwas Faszinierendes. Statistiken und Studien gibt es wie Sand auf Spielplätzen. Aber diese einem Kleinkind zu erklären, ist eine Herausforderung. ARD.de hat es versucht - in Form eines Briefes.

Handschrift: Mein liebes Kind

du bist gerade einmal zwei Jahre jung und schon Mittelpunkt einer gesellschaftspolitischen Debatte. Statistisch gesehen bist du ein Glückspilz. Zum Beispiel, weil du einen der wenigen Kleinkindplätze in einem zudem noch guten städtischen Kindergarten ergattert hast. Im Land, das einst den "Kindergarten" erfand und damit den Begriff erschuf, den heute selbst Engländer, Amerikaner und Franzosen benutzen, haben nur drei von hundert Kindern unter drei Jahren einen Krippenplatz.

Hand mit Füllfederhalter Foto: Picture/Alliance/dpa

Großfamilien sind selten geworden

Wenn du groß bist, wirst du sehen: Zahlen sind etwas Faszinierendes. Die Erwachsenen erklären sich damit die Welt. So haben Statistiker herausgefunden, dass sich eine deutsche Familie 1,7 Kinder wünscht, aber nur 1,3 bekommt. In einer Mathearbeit würdest du dafür Punktabzug bekommen, schließlich gibt es keine Viertel- oder Dreiviertelkinder. Die großen Leute stellt diese Tatsache aber vor richtige Probleme.

Denn im Jahr 2050 werden hierzulande doppelt so viele Rentner wie Kinder leben. Und insgesamt höchstens noch 74 Millionen Menschen. Das sagen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes. Heute leben hier immerhin noch 82,4 Millionen. Davon sind 14,4 Millionen minderjährige Kinder. Die große Mehrheit von ihnen wächst ganz klassisch bei verheirateten Eltern auf und nicht, wie wir Schlagzeilen geleitet oft glauben, in Patchwork-Familien oder losen Verhältnissen. Und trotzdem: Mittlerweile wächst fast jedes siebte Kind bei allein Erziehenden auf.

Großfamilien mit drei oder mehr Geschwistern sind selten geworden. Zwar haben fast die Hälfte der Kinder einen Bruder oder eine Schwester; dennoch gehören Geschwister für viele Kinder nicht oder noch nicht zur Familie: Fast ein Viertel der Kinder in den alten Bundesländern und 36 Prozent der Kinder im Osten wachsen in einer Ein-Kind-Familie auf.

Du wirst steinalt

Deine Lebenserwartung steigt und steigt. Statistisch gesehen wirst du mindestens 82 und das sind immerhin sechs Lebensjahre mehr als deine männlichen Altersgenossen haben. Und auch sonst stehen deine Chancen - glaubt man den Zahlen in den Studien - nicht schlecht. Auch weil du ein Mädchen bist. Schulforscher haben herausgefunden, dass Jungen zwar besser in Mathe sind, aber enorme Defizite bei der Schlüsselkompetenz Lesen haben. Jungen bleiben häufiger sitzen und haben schlechtere Noten.

Pisa, ein Programm zur weltweiten Schülerbeurteilung, hat eine Schieflage in unserem Bildungssystem schonungslos dargestellt. In keinem anderen Land, als dem unseren, entscheidet die soziale Herkunft stärker über die Bildungschancen.

Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlichte Mitte 2006 alarmierende Zahlen: In Deutschland leben 2,12 Millionen Kinder auf Sozialhilfeniveau. Kinderarmut. Erschreckende Tatsache für ein reiches Land!

Dein Lachen ist unbezahlbar

Kinder dürfen keine Kostenstellen sein. Doch große Leute rechnen gern. Du wirst uns bis zu deinem 18. Lebensjahr insgesamt eine kleine Eigentumswohnung kosten. Und Vater Staat legt noch einmal dreißig bis fünfzig Prozent der Kosten drauf - für Krankenversicherung, Erziehungsgeld, Kindergarten, Schule, Universität und den Transfer der Kindererziehungszeit in die Rentenkassen. Laut Statistischem Bundesamt zahlen Eltern in Deutschland für ihr erstes Kind bis zur Volljährigkeit durchschnittlich 107.136 Euro.

Natürlich bist du mit einer Eigentumswohnung nicht vergleichbar. Die Glücksmomente, die du durch dein ehrliches Lachen, deine umwerfende Neugier und deine kindlichen Trotzanfälle bei uns auslöst, sind nicht mit Gold aufzuwiegen.

Du bist ein Gewinn

Aber was haben unsere kinderlosen Nachbarn, die deine Bobbycar-Rennen im Hof bestimmt oft Nerven kosten, von unserem Glück? Selbst für sie bist du volkswirtschaftlich ein Gewinn. Eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) belegt, dass ein Kind der Gesellschaft ca. 77.000 Euro schenkt. Berechnet wurde, das ein Kind durchschnittlich 391.000 Euro durch öffentliche Betreuung, kostenfreie Krankenversicherung und andere Zuwendungen des Staates von der Gesellschaft bekommt und 467.900 Euro als Steuer- und Sozialabgabenzahler eines Tages zurückgibt.

Du machst Probleme klein

Ich habe keine Statistik gefunden, die erklärt, wie viele Glückshormone ein Kind bei seinen Eltern im Schnitt auslöst. Auch habe ich niemanden entdeckt, der die schlaflosen Nächte, in denen das Baby schreit, der Teenie nicht pünktlich von der Disco kommt oder man sonstige Probleme mit dem Nachwuchs wälzt, erfasst hat. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die großen Leute diese Dinge gern vergessen.

Ob ich dir ein gutes Leben bieten kann? Ob ich dich vor Zigaretten, Drogen und Fettleibigkeit bewahren kann? Immerhin sagt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die deutschen Jugendlichen "Europameister" beim Rauchen sind. Auch beim Konsum von Alkohol liegen sie im oberen Viertel und fallen in der Studie negativ auf. Und eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegt, dass Übergewicht und Bewegungsstörungen den Kindern in Deutschland zunehmend zu schaffen machen. 15 Prozent der Kinder zwischen 3 und 17 Jahren sind zu dick.

Du tust uns gut

Dabei sind Kinder gut für uns Eltern: Wir konsumieren nachweislich weniger Alkohol, weniger Zigaretten und haben die besseren Abwehrkräfte, die Todesraten bei Krebs und Infarkten sind halb so hoch wie bei Kinderlosen.

Gut ist, dass in keiner Statistik oder Studie erfasst ist, wie lieb ich dich habe. Sie wäre auch garantiert gefälscht.

Handschrift: deine Mama

Autorin: Susan Pfahlbusch

Weitere Informationen zum Thema:


SWR | Stand: 12.04.2007
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