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Kommentar

Hurra, die Deutschen haben wieder Platz

Freie Straßen, bessere Luft, weniger Arbeitslose - wenn die Deutschen immer weniger werden, hat das doch nur Vorteile, oder? Ein Kommentar von Rainer Dachselt vom Hessischen Rundfunk.

German Open Sonnenanbeterin Foto: dpa/lbn

Die Deutschen werden weniger - das hat nicht nur Nachteile

Bevölkerungsrückgang? Auf den ersten Blick würde sich vielleicht gar nicht so viel ändern. In jeder Schlange und in jedem Gedränge würden ein paar fehlen, wenn es in Deutschland weniger Menschen gäbe. Aber wahrscheinlich wäre doch alles ganz anders: Der Stau würde gar nicht stattfinden, das Gedränge wäre keines, es gäbe einfach überall mehr Platz. Hier einmal nicht angestanden, dort einmal sofort einen Parkplatz gefunden – das klingt im Einzelnen unbedeutend, zusammen genommen würde es die Nerven gewaltig entlasten und die Lebensqualität auf kaum vorstellbare Weise verbessern. Wenn es in Deutschland weniger Menschen gäbe.

Im Augenblick ist es einfach zu voll bei uns

Heute haben alle das Gefühl, es steht ihnen jemand im Weg, deswegen wird gedrängelt, was das Zeug hält, und die meisten Menschen reagieren angespannt bis panisch. Auch wenn es um die Bevölkerungsentwicklung geht: "Was? Geburtenrückgang? Ohgott, die Deutschen sterben aus!" Aber das tun wir doch gar nicht, wir werden nur weniger. Und das wird uns gut bekommen. Weniger Menschen sind leichter zu ernähren. Weniger Menschen verursachen weniger Kohlendioxid und weniger Müll. Weniger Menschen leben einfach besser.

Sie müssen zum Beispiel nicht mehr jede halbwegs ebene Fläche mit einem Wohn- oder Gewerbegebiet zubauen. Die Damen und Herren Bürgermeister können sich darauf konzentrieren, die vorhandenen Kinder, Senioren und sonstigen Anwohner mit Schulen, Freizeitangeboten und einem anständigen öffentlichen Nahverkehr zu versorgen. Das wird auch finanziell leichter, weil ja nicht ununterbrochen neue Straßen gebaut werden müssen. Dadurch bleiben wiederum die Naherholungsgebiete und Parks, durch die diese Straßen in dicht besiedelten Gebieten gerne geplant werden, erhalten – das Leben wird insgesamt wesentlich angenehmer.

Entspannter wird es sowieso. Die Massen drängen sich vielleicht noch da, wo sie freiwillig hingehen: in Fußballstadien und bei Konzerten. Aber nicht mehr in Hörsälen und Fußgängerzonen.

Qualität statt Quantität

Und wahrscheinlich auch nicht in Arbeitsagenturen. In einem Land, das so viel exportiert, müsste doch gerade für weniger Menschen genug zu tun sein. Natürlich nur für gut Ausgebildete, aber die gibt es ja dann auch: kleinere Schulklassen, bessere Betreuung, Qualität statt Quantität.

Angler im Sonnenaufgang am Essener Baldeneysee Foto: dpa/lnw

Die Natur wieder einsam genießen können - bald kein Problem?

Ja, aber, kommen jetzt die Einwände: Wir werden ja nicht nur weniger, sondern auch immer älter. Das ist schon richtig. Wir werden länger leben und auch länger arbeiten – im Schnitt, und bevor sich jemand aufregt: Das gilt nicht für die vielzitierten Dachdecker mit dem körperlichen Knochenjob. Aber warum soll uns das erschrecken? Wir bleiben ja auch länger gesund. Die medizinische Versorgung wird für alle besser, die Wartelisten für Operationen werden kürzer, auch in den Krankenhäusern ist mehr Platz. Für die Renten müssen wir uns eben ein System ausdenken, das der neuen Altersverteilung gerecht wird. Warum sollten wir das nicht schaffen?

Lebenswertes Leben

Im Augenblick reden alle hauptsächlich über die Probleme, die so ein Bevölkerungsrückgang erzeugt. Aber das liegt eben daran, dass es hier zu voll und zu eng ist, was allgemeine Panik und Unwohlsein erzeugt. Wir müssen uns nur klar machen, wie lebenswert das Leben wird, wenn wir nicht mehr ganz so viele sind. Dann lassen sich die Schwierigkeiten auf dem Weg schon angehen.

Früher hat man mal über uns gesagt: Jage einen Deutschen mit einer Konservendose in den Urwald und er kommt mit einer Lokomotive wieder heraus. So ein bisschen Bevölkerungsrückgang sollte uns doch nicht bange machen.

Und wenn es geschafft ist: Dieser ganze Platz, diese Ruhe, diese Gelassenheit überall. Nur eins ist schade. Wir geburtenstarken Jahrgänge werden das nicht mehr erleben.

Autor: Rainer Dachselt

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hr-online | Stand: 02.04.2008
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