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Berufswunsch Altenpflegerin

"Alt werden die Menschen immer"

Altenpfleger ist ein Beruf mit Zukunft. Ein Beruf aber auch, der seelisch und körperlich anstrengend ist. Dafür braucht es engagierte Menschen. ARD.de stellt zwei angehende Altenpflegerinnen vor.

Es waren die Schuhe ihrer Tante, die Regina Kumbier zur Altenpflege brachten. Ein paar alte, abgetragene Schlappen hatte die greise Tante dabei, als sie vor fünf Jahren ins Krankenhaus und von dort ins Altenpflegeheim musste. Das war alles, was ihr bleiben sollte, denn ihre restlichen Sachen sah sie nicht wieder. Dabei hatte die alte Dame ihre schönen Schuhe, die teuren Pullover und Röcke immer so sehr geliebt. Doch ihr Betreuer, ein vom Gericht bestellter Anwalt, hatte keinen Sinn für ihre Besitztümer. "Was zu verkaufen war, hat er zu Geld gemacht", erzählt Regina Kumbier und ihre Stimme bebt, "der gesamte Hausstand meiner Tante landete auf dem Trödelmarkt". Der Tante blieben die Schlappen.

"Wie geht man eigentlich mit alten Leuten um in diesem Land?", fragte sich die 49-Jährige damals. Die Tante wohnte in Berlin, der Rest der Familie lebte zu weit weg, konnte sich nicht selbst um sie kümmern. "Wir konnten nichts machen, das Heim konnte nichts machen und der Betreuer hat nur das gemacht, was er unbedingt musste." Die alte Dame so entmündigt zu sehen - eine schlimme Erfahrung für Regina Kumbier.

Nicht zurück in den Schichtdienst

Als sie sich in dieser Zeit beruflich umorientierte, stand also schnell fest, dass es eine Ausbildung zur Altenpflegerin werden sollte. "Wenn du schon nichts für deine eigene Verwandtschaft tun kannst", sagte sie sich, "dann kannst du wenigstens für andere ältere Leute etwas tun." Sechs Monate noch, und sie hat ihr Ziel erreicht. "Examinierte Altenpflegerin" wird dann ihr Titel sein.

Weit weg von ihrer ursprünglichen Ausbildung ist das nicht: Lange arbeitete die gelernte Diätassistentin im Schichtdienst im Krankenhaus in Berlin. Nach der Scheidung von ihrem Mann zog sie 1994 nach Hessen: "Nach der rechtlichen wollte ich auch die räumliche Trennung von meinem Mann." In Rödermark fand sie mit einem neuen Mann auch eine neue Aufgabe: Acht Jahre arbeitete sie im Büro des Unternehmensberaters. In den vergangenen Jahren zog der sich nun immer weiter aus dem Beruf zurück – Anlass für Regina Kumbier, sich neu zu orientieren. Zurück in den Krankenhaus-Schichtdienst wollte sie nicht. Dann kam der Ärger um die Tante, und im Jahr 2005 begann sie schließlich ihre Ausbildung zur Altenpflegerin. Seitdem betreut sie Patienten im Altenpflegeheim "Morija" in Rödermark, unterbrochen vom Blockunterricht beim Bildungsanbieter maxQ in Frankfurt.

"Mich kriegt so schnell keiner weg"

Der Weg ihrer Klassenkameradin Nicole Jahnke zur Altenpflegerin begann mit einem Schock: Die 22-Jährige hatte in der Urologie ihre Ausbildung zur Krankenschwester angefangen. Drei Tage vor dem Ende ihrer Probezeit teilte man ihr mit, nur 12 der 24 Auszubildenden würden weiterbeschäftigt. Sie sei nicht darunter. "Da stand ich da", ärgert sie sich noch heute. Eine Woche saß sie deprimiert zu Hause, dann erinnerte sie ihre Mutter daran, dass es doch diesen ambulanten Pflegedienst um die Ecke gebe. "Was hast du zu verlieren?", sagte sie sich. "Also habe ich meine Bewerbungsmappe geschnappt, bin hin, rein zur Chefin: ‚Brauchen sie ungelernte Pflegekräfte?‘" Sie kam wie gerufen, denn gerade war ein Kollege ausgefallen, so dass sie zunächst für zwei Wochen als Fahrerin einsteigen konnte. "Aus den zwei Wochen sind nun mittlerweile vier Jahre geworden", lacht sie stolz. "Und jetzt kriegt mich so schnell keiner mehr weg vom ambulanten Pflegedienst." Auch sie beendet im Herbst ihre Ausbildung beim ambulanten Pflegedienst "Vita" im Frankfurter Stadtteil Preungesheim.

Grenzen austarieren

Helfen und da sein, das hat Nicole Jahnke schon begeistert, als sie mit 15 ihr erstes Schülerpraktikum im Krankenhaus machte. Dazu die Abwechslung, der Kontakt zu verschiedensten Menschen: "Ambulante Pflege ist wie ein Überraschungsei, man weiß nie was kommt." Und Regina Kumbier ergänzt: "Ich will ältere Menschen ernst nehmen, ihnen das Gefühl geben, selbstbestimmt und so gut wie möglich die letzte Station ihres Lebens zu verbringen."

Der Tod, Abschied nehmen von Menschen, zu denen sie eine Beziehung aufgebaut haben – das sei das schwierigste an dem Job, da sind sich beide einig. Und manchmal die Hilflosigkeit. "Wärst du, hättest du, könntest du" - Selbstvorwürfe, die sich Nicole Jahnke machte, als es einer ihrer Patientinnen kürzlich nicht gut ging und sie nur noch den Rettungswagen rufen konnte.

Schwierig auch, Grenzen auszutarieren. Die eigenen, wenn es zum Beispiel darum geht, einen 90 Kilo schweren Patienten umzulagern. Aber auch die der Patienten. "Manchmal neigt man dazu, die alten Leute zu ihrem Glück zu zwingen, vergisst aber, dass das nicht unbedingt das Glück der Leute ist", findet Regina Kumbier. Und schiebt nachdenklich nach: "Vielleicht ist das oft eher unser Glück."

Mehr Anerkennung

Nicole Jahnke ist inzwischen froh über ihren Rausflug damals aus dem Krankenhaus, denn immerhin hat der ihr ihren Traumberuf verschafft. Sie weiß auch schon, dass ihr Ausbildungsbetrieb sie übernimmt. "Und wenn nicht, ich habe noch ein, zwei Sachen in der Hinterhand." Was dann wird, das lässt sie auf sich zukommen. Zusatzausbildungen vielleicht, um später mal in eine leitende Position zu kommen, wer weiß.

Bei Regina Kumbier wird sich kurzfristig entscheiden, ob das Haus "Morija" sie übernimmt. "Es hängt davon ab, ob Stellen frei werden", sagt sie vorsichtig. Sie traue sich aber auch andere Berufe zu, Hauswirtschaftsleiterin zum Beispiel oder Ergotherapeutin. "Das ist dann körperlich nicht mehr so anstrengend."

Von Politik und Gesellschaft wünschen sich die beiden mehr Anerkennung, gerade, weil die Anforderungen in der Altenpflege immer weiter steigen. Bei rund 1.600 Euro netto liegt das Einkommen gelernter Altenpfleger. Und selbst das können oder wollen viele Einrichtungen nicht zahlen, stellen immer mehr Hilfskräfte ein. Bei der aktuellen demografischen Entwicklung ein beunruhigender Trend. Regina Kumbier und Nicole Jahnke sind trotz allem überzeugt, einen Zukunftsberuf gelernt zu haben. "Mein Vater war gleich begeistert", sagt Nicole Jahnke, "denn alt werden die Menschen schließlich immer."


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Die Ausbildung zum Altenpfleger dauert drei Jahre und umfasst mindestens 2100 Stunden Unterricht. Hinzu kommen mindestens 2500 Stunden praktische Ausbildung in einem Heim oder einem ambulanten Dienst. Voraussetzung für die Zulassung zur Ausbildung ist die abgeschlossene Mittlere Reife oder die erfolgreich abgeschlossene Prüfung zum Altenpflegehelfer/zur Altenpflegehelferin. Wenn dabei die Note 2,5 oder besser erreicht wurde, kann man direkt (d.h. ohne Mittlere Reife) ins zweite Ausbildungsjahr wechseln.
Quellen: www.pflege-deutschland.de, www.altenpflege.de
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Autorin: Sonja Horchler

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hr | Stand: 02.04.2008
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