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Zukunftsszenario

Mit dem SMS-Shuttle ins Seniorenhotel

Wir schreiben das Jahr 2032. Ein kleines Dorf, fern der Großstadt. Wie lebt es sich an einem Ort, den die Jugend verlassen hat? Worauf kann der Bürger noch setzen? Was leistet der Staat? Ein Zukunftsszenario.

Es ist ein besonderer Morgen für Wolfgang Voigt. Sein 72. Geburtstag. Endlich in Rente. Kurz nach halb sechs steht er auf, so wie immer. Im Dorf ist es still, nur die Vögel in den Bäumen vor seinem alten Haus zwitschern. Fast vierzig Jahre lang war Wolfgang Voigt mit dem Lärm der Züge aufgewacht, die am Bahnhof hielten. Aber vor fünf Jahren, 2027, wurde die Strecke dicht gemacht. Bund und Land hatten fast alle Zuschüsse gestrichen, und der private Betreiber stieg aus, weil es sich für ihn nicht mehr lohnte. Kaum noch Pendler. Die meisten, die Arbeit suchen, haben sie im Westen gefunden, in den Boomregionen um Stuttgart und München zum Beispiel.

Bahngleise Foto: colourbox.com

In dieser Gegend Sachsen-Anhalts hingegen gibt es kaum noch Stellen. Als er 67 war, gab Wolfgang Voigt seinen alten Beruf als Maurer auf und schulte um. Fortan arbeitete er beim Rückbau der Dörfer in der Umgebung mit. Einige der Häuser, die er selbst gebaut hatte, riss er ab. Dafür konnten die Übrigen an die öffentliche Kanalisation angeschlossen bleiben.

Online-Check beim Mobile Markt

Wolfgang Voigt will seinen Geburtstag mit dem ganzen Dorf feiern. Gut 30 Leute sind sie noch. Während er seinen Frühstücks-Kaffee trinkt, hört er im Internetsender Seventy-Plus seine Lieblingsband "Deep Purple". Online kontrolliert er, ob der Mobile Markt seine Bestellung für die Feier bestätigt hat. Einmal in der Woche kommt der Bus ins Dorf, mit allen Waren, die die Einwohner vorher über das Internet geordert haben. Einkaufsnetz heißt das Programm für ländliche Gebiete, in denen es keine Supermärkte mehr gibt. Die EU hat das Programm gefördert, bis es sich von allein trug.

Bevor er geht, kontrolliert Wolfgang Voigt den GPS-Sender an seinem Handgelenk. Er hatte sich lange dagegen gewehrt, aber ohne den Notfallsender wäre der Sturz im letzten Winter schlimmer ausgegangen. Weil die Gegend so dünn besiedelt ist, kann es Stunden dauern, bis einen jemand findet, und die Anfahrtswege der Rettungsdienste sind wegen der Zusammenlegungen oft lang. Alle drei Krankenkassen in Deutschland empfehlen deshalb den Notfallsender.

Fester Fahrplan? Fehlanzeige!

Wolfgang Voigt geht hinüber zum ehemaligen Bahnhof, den sie zum Gemeindezentrum umgebaut haben, mit kleinem Café, einem Behandlungszimmer und einer Garage für die beiden Elektroautos des Dorfes. Für deren Anschaffung gab es eine Beihilfe aus dem Landes-Mobilitäts-Fonds. Den Rest haben die Bewohner zusammengelegt, falls es mal schneller gehen muss als mit dem SMS-Shuttle. Buslinien mit festem Fahrplan gibt es hier schon seit Jahren nicht mehr. Wer mit dem Bus fahren will, bestellt ihn vorher mit dem Handy per SMS.

Gelbe Plastiksitze Foto: colourbox.com

Seniorenhotel statt Schule

Mit dem Auto fährt Wolfgang Voigt zu seiner alten Grundschule, um die Kinder der Perschenkos abzuholen. Als Junge hat er dort noch das ABC gelernt. Doch die Schule stand so lange leer, dass auch ihr der Abriss drohte. Dann kam die Familie aus der Ukraine. Die Eltern hatten noch in ihrer Heimat einen der Pflege-Studiengänge absolviert, die die Wohlfahrtsverbände zusammen mit dem Goethe-Institut im Ausland anbieten. Wer sich verpflichtet, mindestens sieben Jahre in Deutschland im Pflegebereich zu arbeiten, bekommt noch in seinem Heimatland eine Ausbildung, Grundkenntnisse in Deutsch und eine Anwartschaft auf die deutsche Staatsbürgerschaft.

Als die sieben Jahre vorbei waren, kamen die Perschenkos ins Dorf, um sich selbständig zu machen. Sie brachten viel Begeisterung und ihre beiden Kinder mit, renovierten die alte Schule und bauten sie in ein Seniorenhotel um. Seitdem kommen immer mehr ältere Touristen ins Dorf, die sich keinen großen Urlaub mehr leisten können. Die Kraniche, Fischadler und Biber, die wieder hier leben, ziehen die Besucher an. Ein Naturlehrpfad soll entstehen. Dank des Seniorenhotels sind sogar die Preise für die Häuser wieder etwas gestiegen.

Älterer Herr, zur Seite blickend Foto: colourbox.com

Um die Perschenkos zu unterstützen, fährt Wolfgang Voigt ihre Kinder jeden Morgen zur Grundschule. Sie liegt eine halbe Stunde entfernt in der kleinen Stadt, die die Regionalverwaltung zum "zentralen Ort" erklärt hat. Sergej ist sechs, Larissa acht Jahre alt, beide werden zusammen unterrichtet. Der jahrgangsübergreifende Unterricht an Kleinschulen hat sich bewährt, die Leistungen der Schüler seien dadurch sogar besser geworden, sagt die Schulbehörde. Und mehr Lehrer kann sich das Land ohnehin nicht leisten.

Staats-Payback und "Mindestsicherung"

In der Stadt holt Wolfgang Voigt auch gleich ein paar Pakete für das Dorf ab und geht im Gesundheitshaus vorbei. Drei Jahre lang hatte es hier keinen Arzt gegeben. Es blieb nur die Online-Sprechstunde. Doch mit Anwerbeprämien und einer Verdienstgarantie schaffte es die Regionalverwaltung, dass sich drei Ärzte niederließen. Medizinstudenten, die bei ihnen ein Praktikum machen, kriegen eine Wohnung gestellt und ein Taschengeld.

Für die Fahrten mit den Kindern bekommt Wolfgang Voigt vom Altenamt Punkte auf seinem Doppel-E-Konto gutgeschrieben. Bei der Einführung verspotteten die Kritiker es noch als Staats-Payback. Inzwischen ist es nicht mehr wegzudenken. Ehrenamtliches Engagement vergütet der Staat zum Beispiel mit einem Zuschuss zu den Heizkosten. Den kann Wolfgang Voigt gut gebrauchen. Denn von der staatlichen Rente allein könnte er kaum leben. "Mindestsicherung" heißt sie inzwischen. Dazu kommen seine private Altersvorsorge und das Geld, das ihm seine Tochter überweist. Für jeden Euro, den sie ihrem Vater abgibt, schießt der Staat einen Teil zu. Das so genannte "Altengeld" soll ein Anreiz sein, Senioren finanziell zu unterstützen.

Citys boomen, Randlagen verlieren

Als Wolfgang Voigt im Gemeindezentrum am Nachmittag seinen Geburtstag feiert, ist es für ihn auch ein Abschied. Bald wird er zu seiner Tochter in die Forschungsregion Ruhr ziehen. Sie wohnt dort in einer der grünen Innenstädte in einer Mehrgenerationensiedlung und leitet die siedlungseigene Geta, die Generationentagesstätte.

Immer mehr Familien, bei denen beide Eltern arbeiten, ziehen in die Citys, wo statt leerer Büros inzwischen viele Plus-Energie-Wohnhäuser stehen. In den Innenstädten gibt es ausreichend Betreuung für die Kinder und Pflegeangebote für die eigenen Eltern. Auch Kultur, Freizeitmöglichkeiten und Sicherheit bieten die Stadtzentren, die Wege zur Arbeit sind kurz.

Videoüberwachung statt Polizeistreifen

Am Stadtrand will dagegen kaum mehr jemand wohnen. Dort gibt es keine Büchereien und Schwimmbäder mehr, und in den Einkaufszentren stehen die meisten Läden leer. Nachts traut sich dort nur selten jemand auf die Straße, daran ändern auch die zahlreichen Videokameras nichts, die die Streifen der Polizei ersetzt haben. Nach und nach sollen diese Viertel abgerissen werden.

Die Städte schrumpfen, das Leben konzentriert sich auf die Citys. Wolfgang Voigt hat ein bisschen Angst davor, sein kleines Dorf für diese neue Welt aufzugeben. Aber wie hatte seine Tochter gesagt? "Du wirst hier neue Aufgaben finden. Du bist doch noch jung!" Und mit seinen alten Freunden wird er sich trotzdem jeden Tag treffen. Im Chatroom des Dorfes.

Autor: Mark Kleber

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swr | Stand: 02.04.2008
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