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Essen ist Leben. ARD-Themenwoche 2010 vom 23. bis 29. Oktober

ARD-Themenwoche 2010 - 23. bis 29. Oktober

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Nüsse, Milcheiweiß, Gluten – immer mehr Nahrungsmittel stehen unter Verdacht, Allergien und Unverträglichkeiten auszulösen. Doch stimmt das wirklich? Allergologe Prof. Tilo Biedermann sagt: 30 Prozent der Menschen glauben eine Lebensmittelallergie zu haben – aber nur ein bis vier Prozent haben wirklich eine.

Prof. Biedermann, ist es wirklich so, dass Lebensmittelallergien und andere Lebensmittelunverträglichkeiten immer mehr zunehmen?

Tilo Biedermann: Wir wissen von epidemiologischen Studien, dass gerade in den westlichen, industrialisierten Ländern Allergien zunehmen. Das ist nicht nur ein Eindruck, sie nehmen wirklich zu. Für die nicht-allergischen Unverträglichkeiten gibt es hingegen kaum valide Zahlen. Die „gefühlte“ Zunahme hat hier auch mit der Wahrnehmung der Menschen zu tun. Es gibt heute einfach eine hohe Sensibilisierung im Bereich dieses Themas.

Frau mit Bauchschmerzen (Quelle: colourbox.com)Beschwerden wie Bauchschmerzen müssen nicht durch die Nahrung verursacht sein.

Woher kommt das? Was ist heute anders als früher?

Tilo Biedermann: Das Thema „Lebensmittelunverträglichkeiten“ ist sehr präsent. Neben den Allergien, gibt es die so genannten Intoleranzen, wie zum Beispiel die Laktose-Intoleranz. In Supermärkten gibt es vielfach laktosefreie Produkte. Das ist zwar gut für die Betroffenen, allerdings wird dieses Thema erheblich überstrapaziert. Im Internet gibt es etliche Seiten, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, die Produkte werden stark beworben und es ist eine hohe Sensibilität in der Bevölkerung vorhanden. So kommt es, dass ein allgemeiner Eindruck entsteht, Laktose oder auch Gluten seien gesundheitsgefährdend und „schlecht“. Man hört Sätze wie: „Ich ernähre mich vorsichtshalber laktosefrei“ – was völliger Unsinn ist.

Warum werden wir so schnell misstrauisch gegenüber unserem Essen?

Tilo Biedermann: Es kommt sicher häufig vor, dass Menschen dazu neigen, dem Essen die Schuld zu geben, wenn es ihnen nicht gut geht. Jemand, der Kopfschmerzen hat, hat vorher ja meist auch irgendetwas gegessen. Deshalb muss die Ursache aber nicht in dem Nahrungsmittel liegen. So ist es letztlich bei jedem Symptom. Die Nahrungsmittel sind derzeit „en vogue“, es ist ein Thema, mit dem wir uns lieber beschäftigen, als mit anderen Dingen. Es ist einfacher, es auf ein Nahrungsmittel zu schieben als zum Beispiel auf Eheprobleme. Manchmal können die Symptome schlicht durch eine Infektionskrankheit verursacht sein – werden aber dem Essen zugeschrieben.

Wenn wir das Ganze evolutionär betrachten: Als Jäger und Sammler mussten wir früher sehr gut differenzieren, zwischen dem, was wir essen konnten und was nicht. Deshalb haben wir ein intensives Gedächtnis, was Nahrungsmittel und Geschmäcker angeht. Wenn es uns nicht gut geht, stellen wir uns intuitiv die Frage, ob wir denn „etwas Falsches“ gegessen haben. Das Lebensmittel nehmen wir dann in die Liste der Dinge auf, die wir nicht mehr essen wollen – um uns zu schützen.

Käseplatte (Quelle: colourbox.com)Menschen mit Laktoseintoleranz müssen nicht unbedingt auf Käse verzichten.

Ich glaube all diese Mechanismen spielen eine Rolle dabei, dass Lebensmittelintoleranzen und -allergien für viele Menschen so schnell in den Mittelpunkt rücken. Die Zahl der Menschen, die glauben, dass sie an einem dieser Phänomene leiden, ist sehr hoch. Bei Umfragen geben bis zu 30 Prozent an, eine Nahrungsmittelallergie zu haben. Wenn wir dann diese Personen testen, bleiben nur noch ein bis vier Prozent übrig, die wirklich eine solche Erkrankung haben.

Spielt auch das Internet bei dieser Entwicklung eine Rolle?

Tilo Biedermann: Der Unterschied heute, im Vergleich zu vor 20 Jahren ist, dass fast jeder googeln kann. Der Patient, der Beschwerden hat, sucht nach einer Antwort. Aber im Internet kann ich als Laie nicht differenzieren, was wahr und was unwahr ist. Beispielsweise gibt es bei dem Begriff Histamin-Intoleranz am Tag hunderttausende Klicks. Das Ganze geht aber letztlich zurück auf einen einzigen Autor, der dieses Krankheitsbild beschrieben und definiert hat. Es kommen ganz viele Patienten zu uns und sagen: „Ich habe eine Histamin-Intoleranz“. Bei unseren Provokationstests bestätigt sich das aber in sehr vielen Fällen nicht. Und das betrifft nicht nur dieses Krankheitsbild. Aber die Histamin-Intoleranz ist sicher ein sehr gutes Beispiel einer „Interneterkrankung“.

Sind Nahrungsmittelallergien und die Tests darauf heute nicht auch ein gutes Geschäft?

Tilo Biedermann: In der Tat, wenn man sieht, wie viele Ernährungsberatungspraxen und -Institute aus dem Boden schießen. Von diesen Einrichtungen sind jedoch nicht alle seriös. Es gibt Heilpraktiker bei denen keiner aus der Tür geht, ohne eine Nahrungsmittelallergie diagnostiziert zu bekommen. Es gibt Laboratorien, die völlig unsinnige und teure IgG- oder IgG4-Bestimmungen gegenüber Nahrungsmitteln durchführen. Nicht wenige Patienten, die zu uns kommen, haben einen ganzen Ordner mit Testergebnissen dabei. Da können mehrere tausend Euro zusammenkommen, die die Patienten in der Regel selbst bezahlt haben.

Was sollte ich tun, wenn ich trotz allem glaube, an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden?

Tilo Biedermann: Man sollte die Symptome sammeln, am besten in einer Art Tagebuch aufschreiben und damit dann zum Spezialisten, am besten einem Allergologen gehen – aber nicht seine eigenen Schlüsse ziehen oder aus Verdacht auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten.

Ein Beitrag von Sandra Schick, SR

  1. 21

    Melanie 23.10.2010 | 11:46 Uhr

    Teil I Herr Prof. Dr. med. Biedermann muss ein sehr gesunder glücklicher Mensch sein, wie schön dass er nicht an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit leidet und scheinbar auch niemanden damit kennt. Zu sagen, dem Essen die Schuld an Kopfschmerzen zu geben, anstatt die Eheprobleme dafür verantwortlich zu machen finde ich sehr leichtfertig. Die Histaminunverträglichkeit eine Interneterkrankung zu nennen, eine Frechheit. Dann bin ich wohl verrückt und muss in eine geschlossene Anstalt. (...) die Schuld an Kopfschmerzen zu geben, anstatt die Eheprobleme dafür verantwortlich zu machen finde ich sehr leichtfertig. Die Histaminunverträglichkeit eine Interneterkrankung zu nennen, eine Frechheit. Dann bin ich wohl verrückt und muss in eine geschlossene Anstalt.Mehr zeigenweniger zeigen

  2. 20

    Jochen Keller 22.10.2010 | 12:05 Uhr

    Prof. Biedermann hat alles gesagt, was für uns wichtig ist! Aber das will so mancher partout nicht wissen! Lieber glauben wir, daß unsere böse Umwelt an unserem Unwohlsein schuld ist! Statt des gewohnten Apfels muß es (...) eine exotische Kiwi, statt des gewohnten Getreides muß es hochallergisches Soja aus der Bio-Ecke sein. Wir stecken erst einmal alles was en vogue ist in den Mund, statt erst mal dran zu schnuppern! Für die, die wissen wollen gibt`s den Allergologen, für die anderen den Psychiater!Mehr zeigenweniger zeigen

  3. 19

    Jochen Keller 22.10.2010 | 00:25 Uhr

    Die Umwelt ist schuld! Aber so einfach ist es nicht! Ein Südländer oder Asiate, der keine Laktose verträgt, versteht sich nicht automatisch als Allergiker. Denn er läßt Milch und Butter einfach weg. Lebt er in (...) Nordeuropa, wird er um eine Laktoseallergie nur schwer herum kommen. Ich selbst vertrage z.B. keine Fliegenpilze, habe ich deswegen eine Fliegenpilzallergie? Mit nichten, weil ich sie nicht esse! Das wenigste auf unserem Globus ist uns genießbar, folglich lassen wir das meiste einfach weg!Mehr zeigenweniger zeigen

  4. 18

    oldiebutgoldie 21.10.2010 | 19:33 Uhr

    Natürlich gibt es leider immer mehr Menschen, die Allergiker sind von Geburt an. Schade und traurig, aber die Umwelt ist einfach verseucht.

  5. 17

    Jochen Keller 21.10.2010 | 02:04 Uhr

    "Nahrungsmittel sind derzeit en vogue", Chemie, Antibiotika und Impfungen sind es auch, weil man von alledem Allergien bekommt und krank wird. Über was soll man denn jammern, wenn man schon sonst nichts weiß und sich von (...) allen Geistern verlassen fühlt und sich langweilt? Man nennt es auch "Stellvertreter-Krankheits-Syndrom". Moliére läßt grüßen! Mir tun allerdings die wenigen leid, welche nicht an einer eingebildeten Allergie leiden, sondern wirklich an einer Allergie leiden.Mehr zeigenweniger zeigen