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Essen ist Leben. ARD-Themenwoche 2010 vom 23. bis 29. Oktober

ARD-Themenwoche 2010 - 23. bis 29. Oktober

Ernährungsexperten raten, ein- bis zweimal pro Woche Fisch zu essen. Doch die Weltmeere sind überfischt, viele Arten bedroht. Wer verantwortungsvoll handeln will, muss beim Einkauf auf die Kennzeichnung achten. Die ist aber oft unvollständig oder fehlt gänzlich.

Appetitliche Sushi, verführerische Lachsbrötchen, zartes Seezungenfilet: Fisch ist gesund, lecker und beliebt. Doch wer genau hinschaut, kann die Köstlichkeiten nicht bedenkenlos genießen, denn wir essen mehr als das Meer hergibt. 52 Prozent der weltweiten kommerziell genutzten Fischbestände sind nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) bis an ihre Grenze genutzt, 19 Prozent überfischt und 8 Prozent bereits erschöpft. Viele Fangmethoden wie etwa Schleppnetze belasten die Natur und verursachen unnötigen Beifang. Fisch aus Aquakulturen, also aus Zuchtanlagen, ist in vielen Fällen keine gute Alternative, denn oft ist die Produktion nicht nachhaltig. Die Tiere werden mit Medikamenten behandelt und mit Fisch aus Wildfang gefüttert, was die Bestände wiederum belastet.

Ware ist oft nicht ausreichend gekennzeichnet

Sollte man Fisch also überhaupt noch essen? Und wenn ja, welchen? „Pauschal kann man keine Art verurteilen“, meint Dr. Matthias Keller vom Bundesverband der deutschen Fischindustrie.  Es gäbe für jede Alternativen, sprich: Es kommt darauf an, aus welchem Fanggebiet der Fisch stammt. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und WWF sehen das anders. Sie raten vom Verzehr einiger stark bedrohter Arten wie Aal, Rotbarsch oder Scholle kategorisch ab, andere wie Forelle, Karpfen oder Zander – möglichst aus Bio-Zucht – halten sie für unbedenklich. Bei den meisten anderen Fischarten hängt es vom Fanggebiet und den –methoden ab. Und genau da beginnen die Probleme: Im Handel ist die Ware in vielen Fällen nämlich gar nicht oder nicht ausreichend gekennzeichnet.

Zwar gilt seit 2002 eine EU-Kennzeichnungspflicht, die festlegt, dass der Handel den Namen der Fischart, die Fangmethode und das Fanggebiet angeben muss. Diese Regelung umfasst aber nicht alle Produkte – Dosenfisch etwa ist ausgenommen –  und wird nicht immer eingehalten. Außerdem ist sie nicht vollständig: „Es fehlen oft Angaben über das sogenannte Sub-Fanggebiet und die Fangmethode. Beides ist entscheidend, wenn man die richtige Wahl treffen will“, sagt Dr. Iris Menn von Greenpeace. Auch die deutsche Fischwirtschaft hat dieses Problem erkannt und eine Initiative gestartet, die Industrie und Handel dazu aufruft, das Fanggebiet freiwillig genauer zu kennzeichnen.

Siegel sollen Orientierung erleichtern

Eine Packung Lachsfilet mit MSC-Siegel. (c) MSCEin Fisch auf blauem Untergrund - so sieht das MSC-Siegel aus.Eine flächendeckende detaillierte Kennzeichnung ist aber noch lange nicht erreicht. Der Konsument steht also oft ratlos vor der Fischtheke. Im Zweifelsfall muss er nach Herkunft und Fangmethode fragen und auf die Aussagen des Händlers vertrauen. Um dem Verbraucher die Entscheidung zu erleichtern, gibt es verschiedene Gütesiegel. Das bekannteste und am weitesten verbreitete ist das des „Marine Stewardship Council“, kurz MSC. Die unabhängige, nichtstaatliche Organisation besteht seit 1999 und zertifiziert weltweit Fischereibetriebe, die umweltschonend und nachhaltig arbeiten. Das MSC-Siegel ist inzwischen auf gut 1.600 Fischprodukten im deutschen Lebensmittelhandel zu sehen, unter anderem auf Fischstäbchen, Räucherlachs und Fischkonserven. Das entspricht einem Marktanteil von knapp 20 Prozent bei Fisch aus Wildfang. Auch einige Studentenwerke und Betriebskantinen bieten MSC-zertifizierten Fisch an.

Während die Verbraucherzentralen und der WWF das Siegel zur Orientierung empfehlen, meldet Greenpeace Bedenken an: „Das Siegel wird mit Auflagen an Fischereien gegeben, bevor sie 100-prozentig nachhaltig sind. Zum Teil dauert es sehr lange, bis sie die Auflagen erfüllen. Während dieser Zeit sind die Produkte aber schon mit dem Siegel in den Regalen“, so Iris Menn.

Fischführer helfen beim Einkauf

Bei Fisch aus Aquakultur sollten Verbraucher Bioware bevorzugen, ein allgemein anerkanntes Siegel gibt es noch nicht. Die Verbraucherzentrale Hamburg empfiehlt Bio- und Naturland sowie das neue Biolabel der EU. Eine weitere Orientierungshilfe beim Fischkauf bieten die Einkaufsführer von Greenpeace und WWF. Sie zeigen auf, welche Arten der Verbraucher kaufen sollte und welche lieber nicht. Die Vorgaben von Greenpeace sind dabei wesentlich strikter, die Organisation macht bei vielen Fischarten Einschränkungen in Bezug auf bestimmte Fanggebiete geltend. Ein wichtiges Kriterium beim Kauf von frischem Fisch ist die Größe der Tiere. Babyfische gehören nicht in die Auslage, denn sie haben sich noch nie fortgepflanzt und konnten somit nicht zum Erhalt ihrer Art beitragen. Die Verbraucherzentralen raten Kunden deshalb, kleine Fische liegenzulassen.

Fazit: Nachhaltiger Fischgenuss ist eher die Ausnahme, der Einkauf eine schwierige Angelegenheit mit vielen Fragezeichen. Oft weiß der Verbraucher nicht genau, woher die Ware kommt und ob sie nachhaltig gefangen oder gezüchtet wurde. Wer mit gutem Gewissen Fisch essen möchte, muss genau hinschauen und im Zweifelsfall verzichten.

Ein Beitrag von Kathrin Weber, NDR