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Essen ist Leben. ARD-Themenwoche 2010 vom 23. bis 29. Oktober

ARD-Themenwoche 2010 - 23. bis 29. Oktober

Rund 20.000 frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel sollen uns helfen, gesund und leistungsfähig zu bleiben. Trotz fragwürdiger Wirkungen verschleudern wir Milliarden dafür.

In Drogerien oder Supermärkten stehen Vitamin-Brausetabletten schon für 99 Cent, in Apotheken zahlen wir mehr. Und wir zahlen gern. In Deutschland liegt der geschätzte Jahresumsatz von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten bei einer Milliarde Euro. Dazu kommen noch jede Menge andere Mittel wie Spirulina, Aloe-Gel oder Weizengrastabletten. Und gerade die können extrem ins Geld gehen.

Lebensmittel als Pulver oder Tablette

Alle Nahrungsergänzungsmittel sind, rein rechtlich gesehen, Lebensmittel. Diese gesetzliche Zuordnung hat weitreichende Konsequenzen. Zum einen müssen Nahrungsergänzungsmittel nicht extra zugelassen werden, wie das bei Medikamenten der Fall ist. Das heißt, für sie müssen keine Wirksamkeitsstudien vorliegen. Es reicht, sie einfach anzumelden. Und zum anderen haben Nahrungsergänzungsmittel keinen Beipackzettel, der auf Risiken oder Nebenwirkungen hinweist. Als Lebensmittel dürfen sie den auch gar nicht haben,  weil sie nicht heilen, sondern lediglich der Ernährung dienen.

Keine Warnung vor Risiken und Nebenwirkungen

Teller mit Tabletten (Quelle: Colourbox.com)Nahrungsergänzungsmittel – mit unbekannten Risiken und Nebenwirkungen?Auch wenn Nahrungsergänzungsmittel keine Medikamente sind, – sie können problematische Nebenwirkungen haben.
Längst ist bekannt, dass künstliches Betakarotin das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern erhöht. Doch die Liste der unerwünschten Wirkungen ist weit länger: Calciumtabletten können einige Antibiotika blockieren. Wer Schilddrüsenhormone nimmt, muss wissen, dass er nicht gleichzeitig Eisenpräparate nehmen sollte, weil die Hormontabletten sonst nicht wirken.
Soja- und Rotkleeprodukte werden gern gekauft, um Beschwerden in den Wechseljahren zu lindern. Deren pflanzliche Hormone können aber das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, erhöhen. Schlimmer noch: Diese Mittel können sogar die Wirkung der Medikamente aufheben, die Frauen nach überstandenem Brustkrebs nehmen.
Selbst scheinbar harmlose Mittel können also ungeahnte Probleme mit sich bringen. Zu Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie also besser ihren Arzt oder Apotheker, selbst wenn es sich nicht um ein Medikament handelt.

Vitamine fürs Gewissen

Auch wenn die Werbung ständig das Gegenteil behauptet, groß angelegte Studien zeigen immer wieder, dass es uns Deutschen weder an Vitaminen noch an Mineralstoffen mangelt. Wir sind nicht unterversorgt!
Trotzdem sorgen Werbespots und unser schlechtes Gewissen ständig dafür, dass wir an einen Vitaminmangel glauben: Wir essen ungesund, schlafen zu wenig, bewegen uns kaum und haben zu viel Stress. Mit ein paar Pillen erkaufen wir uns dann wieder ein gutes Gewissen, – mehr aber auch nicht.
Aktuelle Studien zeigen immer wieder, dass einzelne, künstliche Vitamine oder Antioxidantien unterem Strich nichts nützen. Antioxidantien, die so gern als Radikalenfänger und Jungbrunnen beworben werden, können isoliert sogar schaden. Lycopin, der Farbstoff aus der Tomate, schützt vor Krebs, aber nur, wenn der Rest der Tomate dabei ist, nicht als Einzelsubstanz.
Das Zusammenspiel mehrerer hundert Bestandteile in einem Lebensmittel sorgen dafür, dass es gesund ist. Isolierte oder künstliche hergestellte Stoffe können das nicht leisten.

Exotische Mittel kommen an

Manche setzen lieber auf die vielen positiven Erfahrungsberichte zu Aloe Vera, der „Wunderpflanze“, die nicht nur Verbrennungen heilt, sondern aufgrund ihrer anderen gesunden Inhaltsstoffe, noch vieles mehr. Trotzdem konnte bisher keine Studie am Menschen nachweisen, dass sie tatsächlich mehr kann als normales Gemüse.
Im Moment ist Kollostrum ein Verkaufsschlager. Das ist die sogenannte Vormilch, die Säugetiermütter direkt nach der Geburt ihrem Nachwuchs geben, damit er einen guten, nährstoffreichen Start ins Leben hat. Das Kollostrum von Kühen wird pulverisiert oder flüssig für viel Geld verkauft, weil es unser Immunsystem stärken soll. Wissenschaftlich untermauerte Belege fehlen allerdings.

Der Streit um die Glaubwürdigkeit

Erfahrungsberichte zu aufsehenerregenden Wirkungen exotischer Nahrungsergänzungsmittel sind häufig gefälscht. Sogar die Wissenschaftler, die entsprechende positive Wirkungen belegen, sind manchmal erfunden.
Experten der Verbraucherzentralen haben das schon häufig erlebt. Sie raten, immer dann skeptisch zu sein, wenn eine Wunderfrucht von weit entfernten und geheimnisvollen Völkern angepriesen wird. Das gilt auch, wenn ein Produkt in genau der beschriebenen Zusammensetzung nur von einem einzigen Hersteller vertrieben wird.
Ernährungsmediziner warnen immer wieder, dass es für solche, zum Teil recht abstrusen Produkte, keine wissenschaftlich haltbaren Studien gibt.
Im besten Fall sind solche Mittel nur teuer, richten aber keinen Schaden an, wie Erdbeerpulver-Kapseln. Doch das ist nicht immer so. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat zum Beispiel schon vor Algenprodukten gewarnt, die ungesund viel Jod enthielten, oder vor Gelee Royal, weil es allergische Reaktionen auslösen kann. Siegel, wie das vom Institut Fresenius, stellen sicher, dass wenigstens die Qualität solcher Nahrungsergänzungsmittel in Ordnung ist. Sie belegen aber nicht deren Wirksamkeit!

Einfach nur essen, was schmeckt

Künstliche Vitamine oder Mineralstoffe brauchen nur wenige Menschen. In bestimmten Lebenssituationen, wie in der Schwangerschaft, oder bei einigen chronischen Erkrankungen können sie Sinn machen. Menschen, die das betrifft, werden aber sowieso ärztlich behandelt, so dass der Arzt ein Präparat empfiehlt, wenn es nötig ist.
Für alle anderen gilt aber, dass sie ihr Geld besser anders ausgeben: für einen schönen Abend im Restaurant zum Beispiel. Denn ein gutes Essen in gemütlicher Atmosphäre bekommt uns in jeder Hinsicht besser, als eine Vitaminpille.
Wir brauchen uns nicht tagtäglich perfekt ernähren, um gesund zu bleiben. Es reicht völlig, vielfältig zu essen und möglichst reife Früchte. Dann schmecken Obst und Gemüse nicht nur besser, dann enthalten sie auch die meisten gesunden Inhaltsstoffe.

Ein Beitrag von Sabine Schütze, SWR