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Essen ist Leben. ARD-Themenwoche 2010 vom 23. bis 29. Oktober

ARD-Themenwoche 2010 - 23. bis 29. Oktober

In manchen Ländern gelten frittierte Insekten als Delikatesse – hierzulande würden sich die meisten Menschen beim Gedanken daran vor Ekel schütteln. Menschen ekeln sich vor ganz unterschiedlichen Dingen – das ist angelernt. Das Gefühl selbst ist angeboren, und eigentlich ziemlich gesund. Ein Interview mit dem Psychologen Rainer Krause über Ekel vor dem Essen.

Herr Professor Krause, wenn Kinder am Tisch sitzen und sagen: “Igitt, das ist ja eklig, das esse ich nicht!” – Was steckt dann dahinter?

Junge sitzt angeekelt vor einem Teller Suppe (Foto: picture alliance)Mäkelig beim Essen? Das geht vorbei!Prof. Rainer Krause: Ekel ist eine so genannte Primär-Emotion. Grundsätzlich dient sie dazu, giftige Substanzen vom Körper fernzuhalten. Das ist eine uralte Emotion und dient dem Überleben. Auf welche Stoffe, Substanzen und Lebensmittel das dann übertragen wird, ist allerdings ein Lernprozess. Dieser Lernprozess funktioniert durch Anpassung, der Mensch wird auf bestimmte Dinge, die er eklig findet, konditioniert. Ein Beispiel: Ein Krebspatient muss sich einer Chemotherapie unterziehen. Die Tapete in dem Therapiezimmer ist gelb. Dem Patienten wird richtig schlecht, das ist eine Folge der Medikamente. Künftig kann dann aber die Farbe gelb Auslöser sein für Übelkeit. Und solche Mechanismen sind für alle Substanzen möglich.

Das, was wir heute auf dem Tisch haben, ist ja in der Regel nicht giftig. Trotzdem ekeln sich vor allem Kinder häufig vor Dingen, die sie noch nicht kennen. Woran liegt das?

Rainer Krause: Grundsätzlich gilt ja, dass man eigentlich eben nicht alles essen sollte, auch nicht das, was man nicht kennt. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Wenn Ihnen einmal übel wurde wegen eines Nahrungsmittels, diese Erinnerung wird nicht mehr gelöscht, das behält man im Gedächtnis. Und das ist eigentlich sehr schlau eingerichtet. Denn der Zeitabstand zwischen der Nahrungsaufnahme und dem Schlechtwerden ist ja relativ lang, so dass man selbst gar nicht mehr weiß, woher das schlechte Gefühl kommt. Aber der Organismus weiß das trotzdem, auch wenn zwei Stunden oder mehr vergangen sind.

In einigen Ländern der Welt gelten Insekten und Maden als Delikatesse. Hierzulande stößt so etwas meist auf Unverständnis. Welche kulturelle Komponente hat Ekel?

Frittierte Insekten auf einem Markt in Thailand (Foto: picture alliance)In Thailand sind frittierte Insekten eine DelikatesseRainer Krause: Die Unterschiede zwischen den Kulturen sind eigentlich nicht sehr groß. Die Hirnregionen, die eine Rolle beim Ekel-Gefühl spielen, sind die gleichen, gleich ist auch die Art, wie der Ekel physiologisch funktioniert. Wovor wir uns ekeln hängt einfach mit der frühkindlichen Prägung zusammen.

Ekel an sich ist also angeboren, wovor wir uns ekeln ist angelernt. Wie kann man das beeinflussen?

Rainer Krause: Bei Kindern können Eltern das durch Vormachen beeinflussen, als Modell. Schon im Mutterleib spielen die Essensvorlieben der Mütter eine große Rolle für das, was die Kinder später mögen oder eben nicht. Man sollte Kindern den Ekel vor bestimmten Dingen auch nicht abgewöhnen wollen. Das ist ja eine vernünftige Reaktion! Wenn Kinder kein Gemüse mögen, ist das nicht schlimm: Da dienen die Eltern als Modell, sie müssen das Essverhalten vormachen. Und der Ekel bei Kindern vor gewissen Nahrungsmitteln lässt auch nach mit der Zeit. Da sollte man sich nicht so einen Kopf machen.

Das Gespräch führte Annika Franck, wdr.