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Essen ist Leben. ARD-Themenwoche 2010 vom 23. bis 29. Oktober

ARD-Themenwoche 2010 - 23. bis 29. Oktober

Tierquälerei in beengten Käfigen, Fleisch als Klimakiller, Antibiotika in Geflügel – die Reihe unappetitlicher Wahrheiten in der Tiermast ließe sich problemlos fortsetzen. Können wir überhaupt noch ruhigen Gewissens Fleisch essen? Das haben wir Waltraud Fesser, Ernährungswissenschaftlerin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, gefragt.

ARD.de: Frau Fesser, essen Sie Fleisch?
Waltraud Fesser: Ja. Zwar nicht sehr oft, aber wenn, dann muss es ein gutes Stück Fleisch sein.

Nach den vielen Medienberichten der letzten Wochen kann einem schon mal der Appetit vergehen. Antibiotika in Geflügel, Massentierhaltung, Klebefleisch, EU-Subventions-Suppenhühnchen, die in Afrika die Hunger-Katastrophe verschärfen. Kann man heute überhaupt noch ruhigen Gewissens Fleisch essen?
Ich denke, man sollte überlegen, welche Kriterien für mich beim Einkauf wichtig sind. Und wenn man wissen will, wo das Fleisch produziert wurde, dann ist die Auswahl nicht besonders groß. Aber man kann dann auch guten Gewissens ein Stück Fleisch essen.

Was sollten Verbraucher denn beachten?
In vielen Fällen ist Fleisch ein Massenprodukt, das auch in der Massentierhaltung produziert wurde. Wenn es anonym ist, ist immer Vorsicht geboten, vor allem dann, wenn es auch noch relativ billig ist. Denn das kann nur auf Kosten der Qualität gehen. Am sinnvollsten ist es, wenn ich mich informiere, wie die Tiere gehalten wurden.

Man weiß heute, dass Fleisch eine sehr schlechte CO²-Bilanz hat. Trotzdem isst jeder Deutsche durchschnittlich 60 kg im Jahr. Sind wir alle Klimasünder?
Wenn man die CO²-Belastung sieht, die durch Fleisch entsteht, wird eindeutig zu viel Fleisch gegessen. Aber ein-, zweimal die Woche als Beilage, nicht als Hauptbestandteil der Mahlzeit, ist natürlich in Ordnung. Wir müssen nicht alle wegen der CO²-Bilanz zu Vegetariern werden.

Bei der Zucht im Freien kann durch die Gülle das Grundwasser verschmutzt werden. Kann ich jetzt auch kein Biofleisch mehr kaufen?
Drei Schweine im Freigehege auf Gut Hesterberg, Quelle: dpa/picture-alliance/ ZBEntspannte Schweine in Freilandhaltung Ich sehe extensive Haltung (Viehhaltung weitgehend im Freien, Anm. d. Red.) oder auch Bio-Haltung immer noch als Fleisch der Wahl, weil die Tiere in der Regel schon tiergerecht gehalten werden. Allerdings ist es so, dass, wenn es um Grundwasserbelastung geht, entsprechend vorgesorgt werden muss. D.h. man muss den Boden auch in Stand halten und vor allen Dingen überprüfen, ob die Besatzdichten nicht doch zu hoch sind. Und problematisch ist es immer dann, wenn ich nur eine Tierart züchte. Der Ursprungsgedanke von Bio, die Mischbetriebe, sind da sicher die bessere Wahl.

Woher weiß ich eigentlich, dass das Stück Fleisch, das ich im Bio-Supermarkt kaufe, unbedenklich ist?
Wenn Sie im Bio-Supermarkt Fleisch kaufen, können Sie auf der Verpackung nachlesen, wo das Fleisch herkommt. Und dann kann man sich natürlich über den entsprechenden Betrieb informieren. Auf der anderen Seite sind bei Bio-Produkten ja zusätzlich zu den normalen Kontrollen auch noch die Ökokontrollstellen mit eingeschaltet, d.h. es findet eine zusätzliche Kontrolle auch in den Betrieben statt.

Was mache ich, wenn ich mir kein Bio leisten kann? Verzicht üben?
Verzichten muss man sicherlich nicht. Fleisch kostet Geld. Aber wenn ich an der Portionsgröße spare, kann ich schon mal Geld sparen. Auf der anderen Seite kann ich natürlich auch aus dem konventionellen Bereich, z.B. beim Metzger meines Vertrauens, Fleisch kaufen. Dort kann ich nachfragen, wo das Fleisch herkommt. Im Supermarkt wird es etwas schwieriger.

Mastgeflügel wird häufig mit Antibiotika behandelt. Was bedeutet das für den, der das Fleisch isst?
In dem Fall haben Sie unter Umständen das Problem, dass Sie Antibiotika-Rückstände im Fleisch haben. Hier hilft es nur, dass die Überwachung tätig wird und diese Rückstände prüft, denn das kann dazu führen, dass Bakterien gegen Antibiotika resistent werden, auch im Menschen. Voraussetzung müsste sein, dass in der Tiermedizin nicht dieselben Antibiotika eingesetzt werden wie in der Humanmedizin. Und dass die Haltungsbedingungen so verbessert werden, dass ich in der Tierzucht nicht so viele Antibiotika einsetzen muss.

Kann ich mich denn darauf verlassen, dass überhaupt Kontrollen stattfinden?
Es finden selbstverständlich Kontrollen statt. Häufig arbeiten in den Betrieben Tierärzte mit. Natürlich ist die Kontrolle nicht flächendeckend, sondern sie findet stichprobenartig statt.

Also greife ich doch lieber wieder zum Bio-Huhn?
Bei der Bio-Haltung werden erst mal alle Möglichkeiten versucht, die Tiere gesund zu halten, und nur, wenn es nicht mehr anders geht, wird ein Antibiotikum eingesetzt. Die Wartezeiten von der Antibiotika-Gabe bis zur Schlachtung sind außerdem sehr viel länger als bei der konventionellen Zucht. Das heißt, es ist nicht mit Rückständen zu rechnen.

Gibt es aus Ihrer Sicht noch Verbesserungsbedarf, was Verbraucherinformation betrifft?
Frische Hähnchen in Plastiktüten, Quelle: dpa/picture allianceGeflügelfleisch ist oft mit Antibiotika belastet Ja, es gibt ganz sicher Verbesserungsbedarf. Es wird auf den Packungen bei Lebensmitteln allgemein sehr viel Werbung gemacht, aber wenn ich ein Herkunftszeichen oder ein Qualitätszeichen sehe, dann weiß ich als Verbraucher immer noch nicht genau, was sich dahinter verbirgt. Da wäre es sinnvoll, wenn es bei Qualitätszeichen, die beispielsweise von den Ländern vergeben werden, einheitliche Standards gäbe. Auf der anderen Seite wäre es sinnvoll, wenn überhaupt mal die Herkunft der Hauptzutaten gekennzeichnet wäre. Das soll ja unter Umständen jetzt durch die neue Lebensmittelinformationsverordnung kommen, aber warten wir mal ab. Und insofern denke ich gibt es noch Bedarf für die Information, sei es auf der Verpackung, sei es auf anderen Wegen, z.B. Internet oder Apps.

Das heißt der Kunde ist auch gefragt, sich Informationen zu besorgen?
Der Kunde ist immer gefragt, sich auch zu informieren, er muss allerdings erst mal die Möglichkeit haben, sich informieren zu können. Das heißt, die Information muss zur Verfügung gestellt werden. Und das erfolgt nicht ausreichend. Sie muss wahr sein, sie muss richtig sein und sie muss auch leicht zugänglich sein.

Das Gespräch führte Rachel Schröder, ARD.de