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Essen ist Leben. ARD-Themenwoche 2010 vom 23. bis 29. Oktober

ARD-Themenwoche 2010 - 23. bis 29. Oktober

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Traditionen und gesellschaftliche Entwicklungen prägen unsere geschmacklichen Vorlieben. Im letzten Jahrhundert war es Fleisch, in diesem wird es Grünzeug sein.

Die Fresswelle rollt

Mit großen Augen guckten Lena und ihre Brüder zu, wenn der Vater das einzige Stück Fleisch aß, das sich die Familie leisten konnte. Diese, sich oft wiederholende Tischszene ist der heute 71jährigen noch gut im Gedächtnis. Ebenso wie sie als junge Ehefrau ihrem Mann regelmäßig einen „guten“ Braten servierte. Fleisch galt lange Zeit als Kraftspender, wurde als wertvolles Lebensmittel angesehen. Schließlich ist es ein langer und aufwändiger Prozess, bis es endlich verkaufsfertig in der Metzgertheke liegt.
Familie am Abendbrottisch, Quelle: dpa/ picture-alliance / Helga Lade Fotoagentur GmbH, Ger © Kurt Röhrig/Helga Lade Das größte Stück für Vater: Familienidyll am Essenstisch Nach dem Krieg mussten viele hungern. Außer Kohl gab es nicht viel; – bis sich die Wirtschaft erholte, die Versorgungslage wieder besser wurde. Die Zeit der Entbehrungen wurde nun mit Essen kompensiert. Neben Sahne und Alkohol war vor allem Fleisch begehrt; ein Lebensmittel, auf das man lange verzichten musste. – Fleisch kam nun in hundert verschiedenen Varianten auf den Tisch. Kulturhistoriker sprechen ungeniert von der Fresswelle. Allein in den 50ern verdoppelte sich der Verbrauch von Schweinefleisch beinahe, der von Geflügel verdreifachte sich sogar. Kartoffeln und Kohl dagegen wurden weniger gegessen. Bis vor wenigen Jahren wuchs der Fleischberg, den wir jedes Jahr verdrückten. Viele Menschen haben noch bis heute verinnerlicht, dass Fleisch ein Stück Lebenskraft ist.

Mit Müsli aus der Krise

Die Energiekrise 1973 machte deutlich, dass bald die Grenzen des Wachstums erreicht sein würden. Moderne Technik wurde nicht länger als wünschenswerter Fortschritt bejubelt.
Vor allem jungen Leute wollten sich von den Traditionen ihrer Eltern frei machen. Anderes Essen musste her. Es sollte möglichst ursprünglich sein und frei von Spritzgiften. Mit selbstgequetschten Getreideflocken und selbst gestrickten Wollpullovern mahnten die “Müslis” den Weg zurück zur Natur an. Sie waren die Vorreiter des Biotrends, der sich in den 80ern durchzusetzen begann. Bio steht nicht nur für natürliche Lebensmittel, sondern auch für natürlichen Geschmack. Künstliche Zusatzstoffe, die in der industriellen Herstellung üblich sind, lehnen echte Bios ab. Ökologisch erzeugtes Obst und Gemüse gehören zu den Verkaufsschlagern der Biobranche. Sie werden inzwischen sogar günstig in Discountern angeboten. Dadurch ist der Hauch des Besonderen weg. Auch die Umsätze steigen kaum noch. Und weil Bio inzwischen Normalität geworden ist, sucht der Mensch nach einer anderen, neuen Ernährungsmode.

Pflanzen(fr)esser im Kommen

Die meisten Vegetarier essen Milchprodukte und Eier, lehnen aber Produkte vom toten Tier ab. Fleisch, das bis vor zehn Jahren noch auf jeder Sonntagstafel stand, ist also komplett tabu. Denn Fleisch wird heutzutage in wenig artgerechter Massentierhaltung erzeugt. Wer sich fleischlos ernährt, bezieht gegen quälende Käfighaltung und Rinderställe mit Spaltenböden Stellung. Rund 80 Prozent der Vegetarier geben an, dass sie es aus ethisch moralischen Gründen geworden sind. Weit weniger tun es, um sich gesünder zu ernähren. Dabei ist unbestritten, dass Vegetarier gesünder leben. Mit den üblichen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Übergewicht müssen sie sich nicht rumschlagen.
Seit einigen Jahren kommt auch noch der Aspekt der Weltrettung mit ins Spiel: Unsere Fleischtiere fressen den Hungernden die Nahrung weg. Rinderhaltung erzeugt außerdem Klimagase. Das ist für immer mehr Menschen ein Anreiz, auf Fleisch zu verzichten.

Lebensstile als neue Freiheit

Fleisch wird wegen seiner negativen Aspekte zunehmend zu einem problematischen Lebensmittel. Trotzdem wollen die meisten Menschen nicht komplett darauf verzichten. Sie werden lieber zum Fast-Vegetarier und zählen sich zu den LOHAS. Das steht für Lifestyle of Health and Sustainability, also für einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil.  Und Lebensstile sind im Kommen, meinen Kulturwissenschaftler. Denn sie engen nicht so sehr ein wie Ernährungsmoden. Lebensstile bieten von allem ein bisschen und passen deshalb ideal in unsere moderne Gesellschaft. LOHAS achten auf Ökolabel an der Kleidung und fliegen trotzdem übers Wochenende auf die Kanaren. Sie kaufen Bio-Lebensmittel und essen nur wenig Fleisch. Aber wenn schon Fleisch, dann  möglichst regional erzeugtes von bester Qualität.

Vegetarismus – die Zwangsmode der Zukunft

Drei junge WG-Bewohner blicken in ihren ausschließlich mit Obst und Gemüse befüllten Kühlschrank, Quelle: dpa/picture allianceEin Kühlschrank voller Obst und Gemüse: Fleischlose Kost hat Zukunft Der Fleischbedarf wird weltweit weiter drastisch steigen, so die Prognose internationaler Wirtschaftsexperten. Denn die Menschen in aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie China und Brasilien entdecken Fleisch als Lebensmittel gerade für sich. Dem steigenden Fleischbedarf nachzukommen, wird allerdings extrem schwierig. Denn bereits jetzt wird ein großer Teil der landwirtschaftlichen Flächen gebraucht, um Tierfutter zu erzeugen. Und die Weltbevölkerung wächst ständig weiter, muss ebenfalls versorgt werden. Mehr Ackerfläche steht aber nicht zur Verfügung. Wenn man all das bedenkt, wird klar, dass ein Schnitzel in Zukunft das Zehnfache kosten wird.

Bereits jetzt steigen die Lebensmittelpreise, nicht nur für Fleisch. Und diese Preissteigerung  wird weiter gehen. Wir werden uns in Zukunft überlegen müssen, welche Lebensmittel wir uns wie oft leisten können. Das macht uns quasi zwangsweise zu Vegetariern, immerhin mit dem guten Nebeneffekt, dass wir uns dann endlich auch zwangsweise gesünder ernähren.

Ein Beitrag von Sabine Schütze, SWR

Unsere Kinder und Enkel werden sich zwangsläufig vegetarisch ernähren, so scheint es. Können Sie sich vorstellen, schon heute zum Vegetarier zu werden?

  1. 14

    heribert .fuchsluger 14.11.2010 | 13:12 Uhr

    Frage: Leben Vegetarier sowie Coffien- und Nikotinverachter mit ausgeprägtem Wanderverhalten gesünder und länger. Liegt diesbezüglich auch eine Statistik vor?

  2. 13

    Rainer Mast 08.11.2010 | 11:55 Uhr

    Ich habe nach einem Artikel im WOCHEN-MAGAZIN der Nürnberger Nachrichten, mich auf komplett fleischloses Kochen umgestellt und will es einen Monat lang durchhalten.Bis jetzt geht es mir sehr gut damit und ich kann nicht (...) behaupten, dass mir das Fleisch fehlen würde.Die Massentierhaltung und das Argument, hungernde Menschen würde Nahrung und Land genommen, sind weitere wesentliche Argumente gewesen, die mich überzeugt haben.Mehr zeigenweniger zeigen

  3. 12

    Frank Geißendörfer 08.11.2010 | 09:54 Uhr

    Der steigenden Weltbevölkerung und ihrer Nachfrage nach Fleisch steht nur eine minimal erweiterbare Fläche für die Produktion von Futtermittel zur Verfügung. Wenn das Futter von Menschen statt Tieren verzehrt wird, (...) können viele mehr Menschen satt werden. Ich esse kein Fleisch, finde es aber übergriffig, andere wg. Fleischkonsum zu bewerten. Weniger ist auch ein guter Schritt. Irgendwann ist das Problem so dringend, dass sich Lösungen automatisch ergeben (müssen).Mehr zeigenweniger zeigen

  4. 11

    Michael 07.11.2010 | 21:47 Uhr

    Dieser Artikel scheint mir doch sehr ideologisch geprägt. Besonders, daß vegetarische Ernährung gesünder sein soll als ausgewogene Mischkost, ist auch auf ARD.de mehrfach bezweifelt/widerlegt worden.

  5. 10

    Ellen 07.11.2010 | 19:31 Uhr

    Ich denke, dass der Dokufilm "Hunger" auf jeden Fall nochmals um 20:15 Uhr gezeigt werden muss, um mehr Leute zu erreichen. Dass es noch mehr Leute zum nachdenken bringt und alle sehen lässt, was für absolut dumme Dinge (...) hier auf der Welt passieren. ...und mir wurde immer eingeredet, dass ich die Menschen in Afrika ein kleines bisschen unterstützen würde, wenn ich Blumen bei Aldi kaufe.Mehr zeigenweniger zeigen