Wir sind eins. ARD
Essen ist Leben. ARD-Themenwoche 2010 vom 23. bis 29. Oktober

ARD-Themenwoche 2010 - 23. bis 29. Oktober

Suche im Online-Angebot der ARD-Themenwoche 2009

Der Wahnsinn greift um sich. Nein, keine Rinderkrankheit, sondern der Schwachsinn im System: Alljährlich pumpt die EU weit mehr als 50 Milliarden Euro in ihre Agrarwirtschaft, und am meisten verdienen dabei die “Big Player” – Großbauern, Agrarfabriken, Massentierhalter. Der Kleinbauer dagegen kämpft ums Überleben.

Bauer auf dem Feld (Bild: picture-alliance/dpa)Freier Bauer auf freier Scholle?

Der freie Bauer auf seiner Scholle, idyllisch mit Natur und Tier verbunden – dieses Bild prägt bis heute bei vielen die Sicht auf die Agrarwirtschaft. Doch die Realität sieht anders aus. Der Landwirt lebt heute in einer modernen Knechtschaft, abhängig von der Gunst und dem Geld der neuen Feudalherren, der EU und der Landwirtschaftsminister.

Ohne öffentliche Zuschüsse kann heutzutage kein Bauer überleben – rund 25 Prozent seines Einkommens kommt aus Brüssel. Mit etwas Übertreibung kann man vom “Bauern-Beamten” reden. Die EU zahlt mittlerweile weit über 50 Milliarden Euro pro Jahr für den Agrarsektor der Mitgliedsstaaten. 2009 verteilte Brüssel allein 7,5 Milliarden Euro an die deutsche Landwirtschaft.

Prinzip Gießkanne

EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos (Bild: picture-alliance/dpa) Herr der Subventionen: EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos Die Landwirte bekommen Prämien für Flächen oder Tiere – zum Beispiel 340 Euro pro Hektar Land -, ohne dass daran allzu strenge Bedingungen geknüpft sind. Der so genannte “Cross-Compliance”-Beschluss von 2003 hat zwar ein paar Bewirtschaftungsauflagen definiert – Agrarflächen müssen zum Beispiel in “gutem landwirtschaftlichem und ökologischem Zustand” sein, der Tierschutz muss eingehalten werden -, doch das hat nur zu mehr Bürokratie für die Antragsteller geführt. Nachhaltiges Wirtschaften wird nach wie vor zu wenig belohnt. Die Folge: Raubbau an der Natur wird staatlich gefördert. Zudem nehmen die subventionierten Agrarmärkte der Industrieländer den Bauern in Entwicklungsländern jede Chance auf Gleichberechtigung im Wettbewerb.

Naturschutzverbände fordern deshalb seit Langem, die staatlichen Zahlungen an wirksame Maßnahmen für den Umwelt-, Tier- und Klimaschutz zu koppeln. Das beinhaltet den Erhalt der Artenvielfalt, die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit oder die Reinhaltung von Boden, Wasser und Luft.

Dabei gibt die EU bereits viel Geld für die Landschaftspflege in den Dörfern aus. Im Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) sind sogar Mittel für den Ökolandbau vorgesehen. Doch das schöne Geld aus Brüssel wird offenbar häufig zweckentfremdet. da zum Beispiel Dorf-Bürgermeister damit ihre Marktplätze neu pflastern lassen!

Viel Geld für die Big Player

Die Subventionsverteilung ist insgesamt mehr als paradox. Denn zumeist sind es eben nicht die Bilderbuch-Bauern, die das Geld erhalten, sondern landwirtschaftliche Großbetriebe und Konzerne wie Nordmilch und Südzucker oder kurioserweise agrarfremde Konzerne wie BASF oder Rheinmetall. Konsequenzen: Die Lebensmittelkonzerne können staatlich gefördert billiger produzieren, drücken dazu noch wie bei den Milchbauern, kräftig auf die Ausgaben und lachen sich ins Fäustchen. Der Konzern “Nordmilch” aus Hamburg etwa erhielt 2009 die Höchstsumme von 51 Millionen Euro, obwohl im Jahr zuvor über 350 Arbeitsplätze “abgebaut” wurden.

Harte Verteilungskämpfe, neue Finanzierungsmodelle

Bauern-Drohungen (Bild: picture-alliance/dpa)"Wer Bauern quält, wird abgewählt!" Nun stehen in der EU harte Verteilungskämpfe an – um 10 Prozent sollen die Agrarausgaben bis 2013 gekürzt werden.  Derzeit prüft die EU neue Richtlinien. Die deutsche Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner allerdings macht sich weiterhin für Direktzahlungen “als grundlegenden Bestandteil des Sicherheitsnetzes zur Verringerung der Risiken für die europäische Landwirtschaft” stark.

Eins ist klar: Ohne Staats-Geld ist in Good Old Europe wohl keine Landwirtschaft mehr möglich und auch weltweit sind Agrarsubventionen längst Standard. Allein die reichen Industrieländer gaben 2009 insgesamt 206 Milliarden Euro für ihre Agrarwirtschaft aus .

Beispiel Schweiz

Auch Nicht-EU-Staaten wie die Schweiz oder Norwegen pumpen riesige Summen in ihren Bauernstand – mehr als 60 Prozent des bäuerlichen Einkommens bezahlt Vater Staat. Allerdings hat man sich in der Schweiz nach jahrelangen Überproduktionen auf eine veränderte Zielrichtung geeinigt: Während früher die Versorgung mit genügend Nahrungsmitteln für die eigene Bevölkerung im Vordergrund stand, sind nun Wettbewerbsfähigkeit und ökologische Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe entscheidend.

Ökostrom statt Subventionsspritze

Auf Subventionen sind Landwirte heute zwar weitgehend angewiesen, doch könnte diese Abhängigkeit in Zukunft reduziert werden, da immer mehr Bauern von anderen Einnahmequellen profitieren – zum Beispiel von der Produktion von Ökostrom, Direktvermarktungen oder touristischen Angeboten wie “Urlaub auf dem Bauernhof”.

Neue FAIRbraucher

Auch der Bürger, der das ganze Subventionssystem ja finanziert, kann den Politikern und Agrar-Lobbyisten klar machen, wie die Alternativen zur gegenwärtigen Subventionspolitik aussehen können: Wer im Supermarkt das Plastikfolien-Fleisch zum Dumpingpreis ebenso liegen lässt wie die geschmacklosen Tomaten aus Industriezucht und statt dessen beim Biobauern oder in der Erzeugergemeinschaft einkauft, der unterstützt Kleinbauern und Produzenten, die ihr Geld vor allem durch Qualität verdienen wollen, - und damit den fairen Wettbewerb.  Deshalb: Nicht nur neue Bauern, auch neue FAIRbraucher braucht das Land.

Ein Beitrag von Ulrike Herm, BR

Was halten Sie von der staatlichen Unterstützung der Landwirtschaft?

  1. 26

    Claudia 29.10.2010 | 14:20 Uhr

    Subventionen nach dem Motto je größer dein Betrieb u. je mehr du produzierst gehören "allesamt gestrichen". Subventionen sollten nur diejenigen bekommen, die nachhaltig produzieren. Und dies kann nur bedeuten, dass ein (...) Betrieb mit maximal 100 Tiere oder einer bestimmten Ackerfläche arbeiten sollte. Alles was darüber geht ist keine nachhaltige und vor allem artgerechte Tierhaltung mehr.Mehr zeigenweniger zeigen

  2. 25

    Mascha 27.10.2010 | 13:07 Uhr

    Es ist nicht zu verstehen, dass ein kleiner Bio-Bauer nicht mal ein Zehntel von dem bekommt, was ein größerer, der Monokulturen betreibt, an Subventionen einstreicht ...

  3. 24

    Joachim 27.10.2010 | 11:44 Uhr

    Politiker, die diesen Subventionswahnsinn verzapft haben, gehören alle in den Knast!

  4. 23

    Steinbock 27.10.2010 | 11:18 Uhr

    Landwirte sorgen für die Erhaltung der Kulturlandschaft und damit auch für Umwelt und Natur. Dass dazu viele Standards eingehalten werden kostet nun einmal und ist ok.

  5. 22

    Maria Silbereisen 26.10.2010 | 23:24 Uhr

    Ich kann das Wort Agrarsubventionen nicht mehr hören. Bitte, Sie in den Medien klären unsere Verbraucher auf, dass dadurch alle Verbraucher günstige Lebensmittel bekommen, die noch dazu hochwertig sind.