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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Beine einer joggenden Frau, Quelle: picturealliance/dpa

Wer sich nicht bewegt, wird krank

In der Entwicklungsgeschichte des Menschen spielt Bewegung eine entscheidende Rolle. Als Jäger und Sammler hat er sich täglich intensiv bewegt. Heute verbringt der Durchschnittsdeutsche zu viel Zeit im Sitzen und Liegen. Über die Folgen des Bewegungsmangels spricht Prof. Veit Wank im Interview.

Herr Wank, gibt es eine natürliche Bewegungsform des Menschen?

Wank: Was heißt natürlich? Der Mensch ist, wie wir alle wissen, mit dem Affen verwandt. Und die sind auf allen vier Beinen unterwegs. Alternativ können sie sich auch noch hängend fortbewegen. Da tun wir uns schwer. Wir haben nun einmal nur zwei Beine. Also ist Laufen unsere Bewegung. Daran wird sich in naher Zukunft auch nichts ändern.

Nun haben wir uns im Laufe unserer Entwicklungsgeschichte vom aktiven Jäger- und Sammler zum immer passiver werdenden Büro- und Stubenhocker entwickelt. Macht sich das schon bemerkbar?

Wank: Erst einmal kann man sicher festhalten, dass sich das Verhältnis zwischen Körpergröße und Körpergewicht, der so genannte Body Mass Index, in den letzten 50 Jahren im Mittelwert verändert hat. Das repräsentiert aber noch keinen Teil unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung, hat im Trend aber durchaus Bedeutung. Noch haben wir keine Anlagen, die sich an unseren Bewegungsmangel angepasst haben. Dafür ist der Prozess aus Bewegungsmangel und Ernährungsfehlverhalten noch zu kurz.

Wenn wir aber länger so weitermachen, könnte sich der menschliche Körper den „Sitzbedürfnissen“ anpassen?

Wank: Eine solche Vision zu zeichnen ist schwierig. Aber wenn es über einen sehr langen Zeitraum so weitergeht, dann wird sicherlich etwas zu sehen sein. Wenn der Mensch zum Beispiel zunehmend eine Sitzkultur entwickelt, dann verschieben sich die Belastungspunkte an der Wirbelsäule. Das könnte sich evolutionär langfristig etwa auf die Stellung des Beckens auswirken.

Was meinen Sie mit „sehr langer Zeitraum“?

Wank: Das kann man nicht in Jahren oder Jahrhunderten messen. Aber uns sollten diese langfristigen und evolutionsrelevanten Entwicklungen auch gar nicht so stark interessieren. Wichtiger ist doch, was jetzt mit unserem Körper passiert, wenn wir uns nicht ausreichend bewegen.

Welche Folgen hat der Bewegungsmangel?

Wank: Wenn unser Körper sich nicht bewegt, entwickeln sich einige Dinge zurück. Nehmen wir das Skelettsystem: Der Gelenkknorpel unterstützt die Dämpfung und die Gleitfunktion. Er lässt die mechanische Bewegung in den Gelenken reibungslos ablaufen. Wenn dieses System gut funktionieren soll, ist es auf einen gewissen Wechsel von Bewegung und Erholung angewiesen. Wenn wir uns aber nicht bewegen, dann bildet sich dieses Gewebe zurück. Die Folge kann eine schmerzhafte Arthrose sein, bei der die Knochen in den Gelenken aufeinander reiben.

Mit Sport gegen Krankheiten
Wer körperlich aktiv ist, senkt erwiesenermaßen das Risiko an Bluthochdruck, koronaren Herzkrankheiten, Diabetes mellitus Typ II, Osteoporose, Osteoarthritis, Adipositas, Darmkrebs oder Rückenleiden zu erkranken.

Gibt es weitere Schäden?

Wank: Aber ja. Unser Körper ist bestrebt, Reserven anzulegen. Wenn wir uns zu wenig bewegen, werden diese Reserven angelegt, aber nicht verbraucht. Wir häufen Depots an, werden dicker und belasten unser Herz-Kreislaufsystem übermäßig.

Zu wenig Bewegung ist das eine Problem, was ist, wenn ich es mit der Bewegung übertreibe?

Wank: Das Risiko für Schäden ist sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Der Körper muss auch regenerieren können. Wenn man ihm dazu nicht genügend Raum lässt, kann es zu Überlastungsschäden kommen. Wer also ständig zu intensiv trainiert, schadet seinem Körper langfristig.

Für den Sportbereich leuchtet das ein, aber gibt es auch zu viel Bewegung im Alltag?

Wank: Sicher. Zum Beispiel jemand, der in seinem Job ständig viel und große Lasten tragen muss. Wenn er das auch noch auf ungesunde Weise macht, kann er seinen Körper schädigen. Zumal dann, wenn er nicht auf entsprechenden Ausgleich achtet.

Fahrradfahrer in idyllischer Berglandschaft, Quelle: picturealliance/dpaFahrradfahren hält fit und gesund.

Haben Sie Empfehlungen für die vielen Bewegungsmuffel im Land?

Wank: Sie sollten sich moderat bewegen. Nicht zu hohe Intensitäten wählen, stattdessen größere Umfänge. Spaziergänge und Radtouren sind ein guter Anfang für den Start in ein aktiveres Leben. Zwei Mal in der Woche etwa 30 bis 60 Minuten Bewegung sind ein gutes Maß. Die richtige Intensität hängt vom Ausgangsniveau ab. Aber so lange ich mich beim Sport wohl fühle, passt auch die Intensität. Außerdem wäre es sinnvoll, zusätzlich den Haltungsapparat zu stärken. Gezieltes Muskeltraining gerade für die Wirbelsäule ist hier besonders zu empfehlen.

Jürgen Bröker, sportschau.de