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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Pendler am Frankfurter Hauptbahnhof, Quelle: picturealliance/dpa

Pendler in Deutschland: Stress wie im Kampfeinsatz

Pendeln kostet Energie, erzeugt Stress und kann krank machen – eindeutige Gründe, die gegen lange Fahrtstrecken zwischen Wohn- zum Arbeitsort sprechen. In Deutschland gelten bis zu 2,5 Stunden jedoch als “zumutbar” – sagt die Bundesagentur für Arbeit. Ein Wissenschaftler äußert Bedenken.

“Wir müssen noch einige Minuten im Tunnel warten, die vorausfahrende U-Bahn steht noch am Marienplatz”, “auf der A8 zwischen Böblingen und Herrenberg 7 Kilometer Stau”, “der Zug nach Münster kommt heute 30 Minuten später” … – In Deutschland sind jeden Tag dieselben Durchsagen zu hören. Auf der Autobahn drängen sich die Autos, in den Zügen die Berufstätigen. Denn: Jeder fünfte Vollzeiterwerbstätige in Deutschland ist mobil. Und rund 1,5 Millionen Menschen nehmen jeden Tag eine lange Reise in Kauf:  Sie pendeln mehr als 50 Kilometer. 

Wie der MDR-Redakteur Christoph Rieth haben sich viele Berufspendler mit Staus und vollen Zügen arrangiert und sind gut organisiert. Sie kennen die besten Fahrtzeiten, die möglichen Staufallen, sie hören Musik, lesen Zeitung oder halten ein Nickerchen. Damit können sie sich die täglichen Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz angenehmer machen. Aber vollkommen entspannt pendelt niemand.

Egal ob mit Auto oder Bahn, mit jahrelanger Erfahrung oder ohne – Pendeln ist anstrengend und erzeugt Stress. Das steht für den Mainzer Soziologen Norbert Schneider außer Frage. Christoph Rieth könne noch so gut organisiert sein, “die negativen Auswirkungen des Pendelns wird er nicht vollständig kompensieren können”, urteilt der Mobilitätsforscher.

„Stress-Spitzen wie Jetpiloten im Kampfeinsatz“

Pendler leiden häufig unter Rückenschmerzen, Verspannungen oder auch  Depressionen. Zudem sind sie “größeren Stressspitzen ausgesetzt, als Jetpiloten im Kampfeinsatz”, erklärt Schneider. Einen täglichen Stau zwischen Wiesbaden und Mainz können erfahrene Pendler einkalkulieren. Der Unfall auf der Autobahn oder ein Weichenschaden am Gleis jedoch bedeutet Kontrollverlust. Und das Unerwartete, Unkalkulierbare stresst. “Ein Pendler kann zu spät kommen. Allein der Gedanke daran, kann Stress erzeugen”, so der Soziologe. Deshalb hätten viele Menschen auch Angst, an ihrem Arbeitsplatz als Pendler erkannt zu werden. Sie fürchten, dass sie sonst als weniger belastbar gelten, weniger flexibel, weil es beispielsweise schwieriger ist, Überstunden zu machen. Und viele sehen nicht-pendelnde Kollegen im Vorteil, denn sie sind scheinbar ausgeruhter und flexibler.

Ein weiteres Pendlerproblem: Sie leiden systematisch unter Zeitnot und Zeitdruck. “Erst gehen sie nach einer langen Heimfahrt einmal nicht in den Sportverein. Dann häufiger. Und irgendwann gar nicht mehr”, erklärt Schneider. Pendeln führe zur sozialen Desintegration und vor allem leidet die Familie unter der Situation: Ein klassisches Partnerproblem sei, so Schneider, das Pendler am Wochenende ausruhen wollen, der nicht-pendelnde Partner hingegen will aktiv sein. Die Alternativmodelle sind nicht unbedingt verlockender: Beide Partner könnten zugunsten kürzerer Fahrtzeiten pendeln, oder sie ziehen gemeinsam um – was den Jobverlust des Partners bedeuten kann.

Deutschland – zwischen “Präsenz- und Kontrollkultur”

Bei der Bundesagentur für Arbeit heißt es, bis zu 2,5 Stunden Pendelzeit ist für einen Arbeitnehmer täglich zumutbar. Auch im Jahr 2011 lebten wir in Deutschland in einer “Präsenzkultur”, erklärte die Bundesfamilienministerin Schröder zu Beginn des Jahres. Angesichts der gesundheitlichen und sozialen Belastungen ist es jedoch fraglich, wie viel Mobilität tatsächlich zumutbar ist.

Ein Umdenken der Arbeitgeber könnte Belastungen reduzieren: Neue Technologien ermöglichen neue Arbeitsformen, wie etwa Telearbeit von zu Hause oder mobiles Arbeiten. Flexible Arbeitszeiten können den Zeitdruck reduzieren. Aber ist das gewollt? “Arbeitgeber verlangen mehr Flexibilität von ihren Arbeitnehmern als sie selbst bereit sind zu geben”, sagt Schneider. Man müsse sich daher fragen, ob wir nicht eher in einer „Kontrollkultur“ lebten. Einer Kultur, in der Menschen gezwungen werden zu entscheiden: Verlasse ich meinen Wohnort, meine Freunde, Verwandten, Bekannten? Oder pendle ich täglich zum Arbeitsplatz?

Sybille Klormann, ARD.de

  1. 26

    Christine 29.05.2011 | 22:12 Uhr

    Pendeln macht krank. Das kann ich nachvollziehen. Für Fahrzeit gehen bei mir pro Tag ca. 3 Stunden drauf. Bereits nach einem halben Jahr fing es mit schlechter Laune, Rückenschmerzen und Kreislaufproblemen an. Nach einem (...) Jahr nahmen die Beschwerden so stark zu, dass ich immer wieder krank war. Nach 1 1/2 Jahren ständige Rückenschmerzen und Verspannungen, die nicht mehr so einfach weggehen. Zeit für die Behandlung beim Arzt und Bewegung ist meist nicht da. Nun habe ich gekündigt!Mehr zeigenWeniger zeigen

  2. 25

    Jens 27.05.2011 | 20:12 Uhr

    Hallo NDR2 Team, ich weiß gar nicht was hier die Leute haben ich wohne von meinem Arbeitgeber zwar nur 3 min zu Fuß entfernt aber dafür bin ich dann die ganze Woche mit einem LKW in Deutschland auf den Straßen. (...) Meinstens komme ich Freitag rein aber es kann auch passieren das ich erst Sonabend wieder auf dem Platz stehe. Schöne Grüße an das NDR2 Team aus Söllingen JensMehr zeigenWeniger zeigen

  3. 24

    DB 27.05.2011 | 14:19 Uhr

    Ich fahr jeden Tag eine Strecke ca. 170 km. Mein Arbeitgeber möchte mich nicht versetzen, da ich keinen Grund habe (nicht verheiratet,keine Kinder,kein Pflegefall). Kündigen kann ich auch nicht, da ich 5 Jahre an meinen (...) Arbeitgeber gebunden bin. Wenn alles gut läuft bin ich mit der Bahn 4 Stunden unterwegs. Ist aber nicht immer der Fall. Im Winter brauche ich 6-8 h Fahrzeit. Es geht total an die Substanz. Zu Hause hat man nur Stress, wegen den privaten Erledigungen,die ja auch noch da sind.Mehr zeigenWeniger zeigen

  4. 23

    Benjamin Kirschner 27.05.2011 | 13:50 Uhr

    Ich fahre fast jeden Tag mit einer Fahrgemeischaft ins Büro. Das spart mir nicht nur Zeit und Geld, ich komme auch entspannt im Büro an. Dem genannten Punkt der "sozialen Desintegration" kann man hierdurch übrigens auch (...) vorbeugen :) Habt ihr Erfahrungen mit Fahrgemeinschaften?Mehr zeigenWeniger zeigen

  5. 22

    Hans ILIOU 27.05.2011 | 12:58 Uhr

    Mobilitätskonzept der Regierung contra Pendelkonzept?? Als MUSS-Pendler (Spezialarbeitsgebiet) bin ich jeden Tag von Ludwigsburg nach Ulm mit dem PKW unterwegs. Über die letzte Dekade wurde der Verkehr auf der Autobahn (...) immer dramatischer. Viele LKW's aus allen Ländern bedeuten praktisch jeden Tag 1-2 LKW Pannen auf der A8 verbunden mit Staus. Jeden Tag bin ich ca. 3 Stunden für Hin- und Rückfahrt unterwegs. Fazit: Infrastruktur Strasse/Schiene/Bahn gegen Mobilität??Mehr zeigenWeniger zeigen