Pendeln kostet Energie, erzeugt Stress und kann krank machen – eindeutige Gründe, die gegen lange Fahrtstrecken zwischen Wohn- zum Arbeitsort sprechen. In Deutschland gelten bis zu 2,5 Stunden jedoch als “zumutbar” – sagt die Bundesagentur für Arbeit. Ein Wissenschaftler äußert Bedenken.
“Wir müssen noch einige Minuten im Tunnel warten, die vorausfahrende U-Bahn steht noch am Marienplatz”, “auf der A8 zwischen Böblingen und Herrenberg 7 Kilometer Stau”, “der Zug nach Münster kommt heute 30 Minuten später” … – In Deutschland sind jeden Tag dieselben Durchsagen zu hören. Auf der Autobahn drängen sich die Autos, in den Zügen die Berufstätigen. Denn: Jeder fünfte Vollzeiterwerbstätige in Deutschland ist mobil. Und rund 1,5 Millionen Menschen nehmen jeden Tag eine lange Reise in Kauf: Sie pendeln mehr als 50 Kilometer.
Wie der MDR-Redakteur Christoph Rieth haben sich viele Berufspendler mit Staus und vollen Zügen arrangiert und sind gut organisiert. Sie kennen die besten Fahrtzeiten, die möglichen Staufallen, sie hören Musik, lesen Zeitung oder halten ein Nickerchen. Damit können sie sich die täglichen Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz angenehmer machen. Aber vollkommen entspannt pendelt niemand.
Egal ob mit Auto oder Bahn, mit jahrelanger Erfahrung oder ohne – Pendeln ist anstrengend und erzeugt Stress. Das steht für den Mainzer Soziologen Norbert Schneider außer Frage. Christoph Rieth könne noch so gut organisiert sein, “die negativen Auswirkungen des Pendelns wird er nicht vollständig kompensieren können”, urteilt der Mobilitätsforscher.
Pendler leiden häufig unter Rückenschmerzen, Verspannungen oder auch Depressionen. Zudem sind sie “größeren Stressspitzen ausgesetzt, als Jetpiloten im Kampfeinsatz”, erklärt Schneider. Einen täglichen Stau zwischen Wiesbaden und Mainz können erfahrene Pendler einkalkulieren. Der Unfall auf der Autobahn oder ein Weichenschaden am Gleis jedoch bedeutet Kontrollverlust. Und das Unerwartete, Unkalkulierbare stresst. “Ein Pendler kann zu spät kommen. Allein der Gedanke daran, kann Stress erzeugen”, so der Soziologe. Deshalb hätten viele Menschen auch Angst, an ihrem Arbeitsplatz als Pendler erkannt zu werden. Sie fürchten, dass sie sonst als weniger belastbar gelten, weniger flexibel, weil es beispielsweise schwieriger ist, Überstunden zu machen. Und viele sehen nicht-pendelnde Kollegen im Vorteil, denn sie sind scheinbar ausgeruhter und flexibler.
Ein weiteres Pendlerproblem: Sie leiden systematisch unter Zeitnot und Zeitdruck. “Erst gehen sie nach einer langen Heimfahrt einmal nicht in den Sportverein. Dann häufiger. Und irgendwann gar nicht mehr”, erklärt Schneider. Pendeln führe zur sozialen Desintegration und vor allem leidet die Familie unter der Situation: Ein klassisches Partnerproblem sei, so Schneider, das Pendler am Wochenende ausruhen wollen, der nicht-pendelnde Partner hingegen will aktiv sein. Die Alternativmodelle sind nicht unbedingt verlockender: Beide Partner könnten zugunsten kürzerer Fahrtzeiten pendeln, oder sie ziehen gemeinsam um – was den Jobverlust des Partners bedeuten kann.
Bei der Bundesagentur für Arbeit heißt es, bis zu 2,5 Stunden Pendelzeit ist für einen Arbeitnehmer täglich zumutbar. Auch im Jahr 2011 lebten wir in Deutschland in einer “Präsenzkultur”, erklärte die Bundesfamilienministerin Schröder zu Beginn des Jahres. Angesichts der gesundheitlichen und sozialen Belastungen ist es jedoch fraglich, wie viel Mobilität tatsächlich zumutbar ist.
Ein Umdenken der Arbeitgeber könnte Belastungen reduzieren: Neue Technologien ermöglichen neue Arbeitsformen, wie etwa Telearbeit von zu Hause oder mobiles Arbeiten. Flexible Arbeitszeiten können den Zeitdruck reduzieren. Aber ist das gewollt? “Arbeitgeber verlangen mehr Flexibilität von ihren Arbeitnehmern als sie selbst bereit sind zu geben”, sagt Schneider. Man müsse sich daher fragen, ob wir nicht eher in einer „Kontrollkultur“ lebten. Einer Kultur, in der Menschen gezwungen werden zu entscheiden: Verlasse ich meinen Wohnort, meine Freunde, Verwandten, Bekannten? Oder pendle ich täglich zum Arbeitsplatz?
Sybille Klormann, ARD.de
Dr. Norbert Schneider ist Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und Gastprofessor am Institut für Soziologie an der Universität Mainz. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Familien-, Bevölkerungs- und Mobilitätsforschung.
26 Kommentare:
11
Kerstin 25.05.2011 | 11:18 Uhr
Wohl dem, der in einer Großstadt lebt und mit dem Zug in eine andere Großstadt fahren kann. Ich fahre täglich 70 km von Gardelegen nach Magdeburg mit dem Auto, da von dieser Kleinstadt kein Zug direkt nach Magdeburg fährt. Nur ein Bus wäre die Alternative und da bin ich mit dem Auto schneller. Außerdem muss ich vorher die Kinder zur Kita bringen und flexibel sein. Wenn dann noch Baustellen unterwegs Staus verursachen und ich später zur Arbeit komme, bin ich auch Abends später zu Hause.
10
Lori 25.05.2011 | 09:42 Uhr
Ich pendel jeden Tag 70Km von Brandenburg nach Berlin mit der Regionalbahn. Und es gäbe keinen Stress, wenn a) die Bahn pünktlicher und häufiger fahren würde und b) mehr Züge eingesetzt würden. Da kann ich nur Engelchens Kommentar bestätigen. Bei uns sind die Züge Nachmittags auch immer voll. Und das beste kommt noch: Lägere Züge können nicht eingesetzt werden, weil dazu in den Dörfer zu kurze Bahnsteige gebaut wurden!
9
Rainer Zack 24.05.2011 | 22:41 Uhr
Ich habe 12 Jahre gependelt, einfach 80 km. Zuerst nur mit dem Auto, dann kombiniert mit Auto und Zug. Bei mir hat es in den vielen Jahren nachweislich zu gesundheitlichen Problemen bis hin zum anerkannten Burnout geführt. Für mich steht fest: nie mehr wieder so eine weite Anfahrt zur Arbeit. Man hat für kaum noch etwas Zeit und die Familie leidet auch enorm. Das kann es einfach nicht wert sein!
8
susanne 24.05.2011 | 21:45 Uhr
Vor 3 Jahren habe ich in Österreich angefangen zu arbeiten. In Deutschland habe ich keinen Job gefunden. Die Alternative wäre Hartz IV gewesen. Aber das Pendeln frisst alles wieder auf - Geld, Zeit, Familie. Ein stabiles soziales Umfeld habe ich nicht mehr. Schon bevor ich nach Österreich ging war dieses in Auflösung: ständig arbeitsbedingt gependelt. Ebenso mein Mann. Eine eigene Familie werden wir nicht mehr gründen können. Vielleicht werden wir im Alter zusammen leben. Wenn die Ehe es aushält
7
HV 24.05.2011 | 21:24 Uhr
2003 wurde meine Abteilung von München in ein Zweigwerk, 200km entfernt, verlegt. Damit wurde ich u. 15 meiner Kollegen kurzerhand zu Wochenendpendlern gemacht gegen ihren Willen. Bis zum Vorruhestand 2010 habe ich ca 170000 km zusätzlich mit dem Auto zurückgelegt. d.h. ein zusätzliches Auto abgenutzt sowie extra Kosten für ein App. getragen. Umziehen ging aus versch. Gründen nicht. Kündigen als 50+ nicht anzuraten. Der Umweltgesichtspunkt solcher Firmenpolitik sollte diskutiert werden !
S. 4 von 6