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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Gleise im Abendlicht (Foto: picturealliance / dpa)

Droht unserem Verkehr der Kollaps?

Wir sind ein Volk der Arbeitspendler, das auch in seiner Freizeit für kurze Wochenendausflüge weite Wege gerne in Kauf nimmt. Doch kilometerlange Staus, verstopfte Züge und überlastete Flughäfen zeugen täglich davon, dass die mobile Gesellschaft allmählich an ihre Grenzen stößt. Was kann unser Verkehrssystem in Zukunft noch leisten? Mobilitätsforscher Weert Canzler im Interview.

Herr Canzler, über Verkehrsprobleme wird in Deutschland vielfältig diskutiert. Ist die Situation tatsächlich so gravierend, wie immer alle reden?

Global betrachtet haben wir noch mit vergleichsweise wenigen Problemen zu kämpfen. Es treten bei uns weder richtige Megastaus auf, wie man das aus vielen Metropolen dieser Welt kennt, noch schneidet unserer öffentliches Verkehrssystem im weltweiten Vergleich besonders schlecht ab. Da gibt es viel schlimmere Beispiele.

Aber ein bisschen mehr Schnee als gewöhnlich, ein aktiver Vulkan auf Island und schon kommt der Verkehr in weiten Teilen Europas zum Erliegen. Ist unser Verkehrssystem zu komplex geworden, um auf solche Störungen angemessen reagieren zu können?

Wartende Fluggäste (Foto: picturealliance / dpa)Flugpassagiere in der Warteschlange: Fortschritt auf tönernen Füßen Es ist sehr komplex und gleichzeitig haben wir das Problem, dass wir das Verkehrssystem behandeln wie andere ökonomische Bereiche auch: Mit möglichst geringen Mitteln wollen wir einen möglichst hohen Output erzielen. So haben wir bei der Bahn zum Beispiel nur sehr geringe Reserven. Wenn dort Züge ausfallen, dann ist es sehr schwer, auf die Schnelle Ersatz zu besorgen. Aber auch im Flugverkehr ist die Taktung extrem eng, denn das bringt dem Flughafenbetreiber mehr Geld. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist diese Einstellung nachvollziehbar, volkswirtschaftlich betrachtet ist sie natürlich fatal. Wenn bereits relativ kleine Auslöser eine Kettenreaktion hervorrufen und tausende Menschen zu spät zur Arbeit kommen, dann sind das Ausfälle, die der Gesellschaft massiv schaden. Aber das gilt für die gesamte moderne Gesellschaft: Auf der einen Seite sind wir technisch und organisatorisch sehr ausgefeilt, aber gleichzeitig bringt diese Entwicklung auch neue Risiken. Es muss uns bewusst sein, unser Fortschritt steht nur auf tönernen Füßen.

Bedeutet das, dass mehr in die Infrastruktur investiert werden muss?

Wir pumpen bereits sehr viel Geld in Autobahnen und Fernstraßen, überhaupt in das Straßensystem. Wir pumpen aber auch eine Menge Geld in die Gleisinfrastruktur und wir leisten uns ein dichtes Netz an Flughäfen. Ich sehe das Hauptproblem darin, dass in Deutschland schon seit langer Zeit Parallelinvestitionen in verschiedene Verkehrssysteme stattfinden, ohne die Systeme richtig aufeinander abzustimmen. Zudem reicht es nicht aus, nur Investitionen zu tätigen, sondern die Infrastruktur muss anschließend auch aufrechterhalten und gepflegt werden. Hier kommen noch massive Kosten auf uns zu, die letztendlich stärker als bisher die Nutzer werden tragen müssen. Es wird in Zukunft nur noch ganz wenige sinnvolle Neubauprojekte geben. Es geht vielmehr darum, was wir haben umzubauen, sicherer und auf Dauer haltbar zu machen.

Verkehrsgroßprojekte wie Stuttgart 21 und der Flughafen BBI, die Milliarden verschlingen, werden derzeit in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Ist ihre Realisierung mit Blick auf die Zukunft überhaupt noch sinnvoll?

Die beiden angesprochenen Projekte sind ja in ihren Planungen bereits sehr alt. Der Flughafen BBI wurde kurz nach dem Fall der Mauer projektiert, die ersten Ideen zu Stuttgart 21 liegen noch länger zurück. Aber tatsächlich werden wir in Zukunft von solchen Großprojekten absehen müssen, auch weil es den Bedarf gar nicht mehr geben wird. Wir dürfen ja in der Verkehrsplanung auch den demografischen Wandel nicht außer acht lassen. In Ostdeutschland, aber auch in Teilen der westlichen und nördlichen Bundesländer, ist es absehbar, dass es zu einer Schrumpfung sowie zu einer starken Alterung der Bevölkerung kommen wird. Hier wird man sich sogar Gedanken über einen Rückbau bestehender Infrastruktur machen müssen, während in Zuwanderungsregionen, insbesondere in Süddeutschland und im Rhein-Main-Gebiet, die Herausforderung darin bestehen wird, vorhandene Systeme weiter zu optimieren.

Wie sieht eine innovative Verkehrsplanung für Deutschland aus?

Einfaches Bezahlen beim Carsharing (Foto: picturealliance / dpa)Neue Verbundmodelle im Verkehr: Mobil per Flatrate Es wird in Zukunft darum gehen, die Vorteile des privaten Verkehrs mit den Stärken des öffentlichen Verkehrs zu kombinieren. Im privaten Verkehr kann ich selbst bestimmen, wann ich mein Fahrzeug nutze, der öffentliche Verkehr ist im Prinzip günstig, er schont die Umwelt und verstopft die Städte nicht unnötig. Ich stelle mir das so vor wie im Mobilfunkbereich. Ich habe als Flatrate die ÖPNV-Zeitkarte und buche mir dann flexibel Auto-, Fahrrad- und Fernverkehrsleistung, bis hin zum Flugzeug, dazu. Am Ende muss eine Mischung stehen, die für den Einzelnen attraktiv und sinnvoll ist und ihm alle Freiheiten sowie die Routinefähigkeit bietet, die ein funktionierender Verkehr benötigt. Die Abrechnung kann dann zentral über ein Chipkartensystem erfolgen. Das hört sich vielleicht ein wenig plakativ an, aber einige Kurzzeitmietangebote für Autos und Fahrräder gibt es ja bereits. Und gerade durch die Elektromobilität werden hier künftig ganz neue Allianzen entstehen.

Aber dieses System kann doch nur in Städten mit einem leistungsstarken öffentlichen Verkehr entstehen. Wie soll sich denn die Landbevölkerung künftig fortbewegen?

Da muss man ganz ehrlich sein. Von den gleichwertigen Lebensverhältnissen, die unser Grundgesetz festschreibt, weichen wir verkehrstechnisch faktisch schon lange ab. Wer in bestimmte ländliche Regionen zieht, muss damit rechnen, jetzt schon ein schwaches öffentliches Nahverkehrsangebot vorzufinden und das wird künftig in Teilen noch schwächer oder gar ganz verschwinden. Hier kann man sich nur weiterhin auf sein eigenes Fahrzeug verlassen. Gleichzeitig muss man angesichts der zu Ende gehenden Ölvorkommen mit einer weiteren Verteuerung des Individualverkehrs rechnen. Das sind Fakten, die auch die Politik so offen formulieren muss.

Karin Losert, rbb online



  1. 8

    emberiz 28.05.2011 | 00:21 Uhr

    Das private Auto. das nur wenige Stunden pro Tag und mit durchschnittlich 1,3 Personen fährt, ist auf jeden Fall komplett unökologisch und unwirtschaftlich. Es nimmt zu viel Platz/Fläche ein, verbraucht zu viel fossilen (...) Brennstoff, der noch dazu bei einem erbärmlichen Wirkungsgrad in zu viel Schadstoffe und Abwärme unter Erzeugung von Lärm umgewandelt wird. Alternativen sind voll besetzte Mietwagen, die nach Ende einer Fahrt von der nächsten Gruppe genutzt werden und eben zu Fuß, Rad, Bus/Bahn.Mehr zeigenWeniger zeigen

  2. 7

    Roland Hummel / Berlin 20.05.2011 | 14:08 Uhr

    Individuelle Mobilität ist für mich unerlässlich. Spontan Sonntag früh von Berlin nach Bayreuth oder Göttingen zu fahren ist Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Einsteigen und losfahren ohne reservieren und warten. (...) Dies ist neben der Gesundheit das größte Gut für mich. Ein herrlicher Genuss.Mehr zeigenWeniger zeigen

  3. 6

    Falk 19.05.2011 | 22:36 Uhr

    Mit der Energiesteuer (ehemals Mineralölst.+Ökost.) aus Spritverkauf,der KfZ-St., der Mehrwertst. aus dem Spritverkauf und noch der LKW-Maut gibt es mehr als genug Einnahmen für Straßen. Nur fließt das alles nicht (...) zurück in die Straßen. 40% der Finanzen des Bundesverkehrsministerium fließt in die Bahn, nur 18% in Bundesfernstraßen. Ein Auto, was mehr als 1-2 personen transportiert ist viel ökologischer als die Bahn, und günstiger sowieso. Mitfahrzentralen können für die Auslastung sorgen.Mehr zeigenWeniger zeigen

  4. 5

    Martin 14.05.2011 | 23:12 Uhr

    Wir sollten so weit wie irgend möglich weg vom Auto. Wieviel Tote, wieviel Leid, Verschmutzung, Überschwemmungen durch Straßenbau haben wir dem Auto zu "verdanken". Wer das Auto wirklich braucht: Alte, Kranke, (...) Rettungswagen, notwendige Lieferungen etc. hätten dann freie Fahrt. Öffentlichen Verkehr ausbauen und wieder aufatmen!Mehr zeigenWeniger zeigen

  5. 4

    Schleicher 13.05.2011 | 14:52 Uhr

    Das Auto hat sich immer mehr zum Fluch als zum Segen entwickelt.Wenn man pendelt bemerkt man bereits in kleineren Ballungsräumen die tägliche Blechlawine und den Stau. Wie muss das wohl in den Megacities sein,von denen es (...) in Deutschland nur die Haupstadt gibt ? Die Automasse wirkt sich auf das Unterbewusstsein jedes einzelnen negativ aus. Es gibt aber immer noch genug Angeber in jeder Altersgruppe die dicke Schlitten fahren müssen. Hauptsache Status-Die Dummheit stirbt bekanntlich zuletzt.Mehr zeigenWeniger zeigen