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ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Shared Space-Kreuzung in Bohmte

Bohmte: Augen auf und durch!

Was passiert, wenn gängige Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt werden? Drohen dann Unfälle, Staus – Chaos? “Shared Space” heißt ein Konzept, dass eine gewisse Regellosigkeit zelebriert. Die niedersächsische Stadt Bohmte hat dieses ungewöhnliche Konzept realisiert.

Bohmte ist eine ganz bodenständige Gemeinde im Osnabrücker Land. Wer aus dem Zug steigt und den Bahnhofsvorplatz in Richtung Rathaus überquert, befindet sich inmitten eines aufgeräumten und ordentlichen Ortes. Ruhig ist es in dem Rathaus mit den roten Dachziegeln. An den Wänden der Warteecke vor dem Büro des Bürgermeisters hängen geknüpfte Teppiche mit den Wappen von Pommern, Ostpreußen, Westpreußen und Schlesien. Die Menschen hier gelten als gesellig, offen und hilfsbereit.

Kleine Revolution auf der Landstraße

Fahrzeuge auf der Kreuzung in BohmteDer Verkehr rollt - auch mit Lkw

Doch etwas an dieser Gemeinde am Rande der Norddeutschen Tiefebene ist einzigartig, fast schon revolutionär. Denn seit 2008 ist ein Teil des Ortskerns der 13.000-Einwohner-Gemeinde ein so genannter „Shared Space“: Auf der Hauptkreuzung wurden Verkehrsschilder, Ampeln, Markierungen, Bordsteine und alle anderen Barrieren abgebaut. Der Verkehr regelt sich allein durch gegenseitige Rücksichtnahme. Das ist eine Vorstellung, mit der sich viele Menschen im sonst bis ins Detail geregelten deutschen Straßenverkehr im ersten Moment nur schwer anfreunden können. Doch dahinter steckt System. Entwickelt wurde diese Planungsphilosophie von dem Niederländer Hans Mondermann. Einer seiner Leitsätze lautete: „Unsicherheit schafft Sicherheit.“ Das heißt, alle Verkehrsteilnehmer sollen aufeinander achten, Blickkontakt suchen, Rücksicht nehmen. Einzig gültige Regel in dem rund 400 Meter langen „Shared Space“-Abschnitt in Bohmte ist die Rechts-vor-links-Vorfahrt.

Wie wird die Durchgangsstraße?

Wer sich mitten am Tag an die belebte Straße stellt und den Lastwagenverkehr auf der Landstraße beobachtet, stellt fest, dass der Verkehr fließt, die Autos fahren angemessen langsam. Doch das war nicht immer so: Rückstaus an den Ampeln waren vor der Umgestaltung an der Tagesordnung. Bürgermeister Klaus Goedejohann jedenfalls ist begeistert: „Wir hatten die einmalige Chance, diese Landstraße umzugestalten und etwas zu verändern. Der Ortskern mit dem vielen Schwerlastverkehr hatte uns seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet.“

Finanzierung durch EU-Projekt

Bürgermeister Klaus GoedejohannBürgermeister Goedejohann ist stolz

Da kam das von der EU geförderte „Shared Space“-Projekt den Bohmtern gerade recht. Sie wurden – neben Kommunen in Dänemark, England, Belgien und den Niederlanden – zum Modellprojekt: Zur einzigen Gemeinde in Deutschland, die ihren Ortskern nach den Prinzipien des „gemeinsam genutzten Raums“ umgestaltete. Alles begann mit einem langen Planungsprozess. „Die Bürger wurden von Anfang an mit einbezogen, das war uns sehr wichtig“, betont Klaus Goedejohann. Von der großen Resonanz war selbst der Bürgermeister überrascht. Die Menschen mischten sich ein, wollten mehr über das Projekt wissen. Schließlich konnte Goedejohann die Mehrheit im Gemeinderat und viele Bürger von dem ungewöhnlichen Projekt überzeugen.

Was sagen die Bohmter Bürger zur Umgestaltung?

„Es funktioniert“, berichtet Hubertus Brörmann, Inhaber des gleichnamigen Modegeschäfts am Platze. „Meine Kinder haben das auch ausprobiert: Sie strecken den Arm aus, und dann hält das Auto an. Da waren sie ganz schön erstaunt, dass das klappt.“ Zugegeben, manchmal gebe es schon Streit unter den Verkehrsteilnehmern, weil die Vorfahrtssituation eben nicht ganz eindeutig geklärt ist und der Platz – auch wenn er so aussieht – eben nicht nach den Prinzipien des Kreisverkehrs funktioniert. „Dann hupen sich die Autofahrer an und es gibt Streit – das ist dann eher lustig anzusehen“, sagt Brörmann und schmunzelt. Insgesamt ist der Geschäftsmann mit der Neugestaltung zufrieden: Es gibt mehr Platz für Fußgänger, Fahrradständer, Bänke – dadurch hätte auch sein Geschäft durchaus gewonnen.

Zu einem etwas anderen Urteil kommt Verena Werner. „Mit Kindern ist das sehr schwierig: Wo beginnt die Straße? Es gibt keinen Bordstein mehr und als Fußgänger ist es immer wieder schwierig, über die Straße zu kommen“, bemängelt die 30-Jährige, die zwei kleine Kinder hat. Ähnlich sieht das Nijaza Ferhatbegovic, die mit Tochter Amila gerade auf dem Weg zum Schwimmbad ist. „Ich habe mir das schon besser vorgestellt“, sagt die Mutter von siebenjährigen Zwillingen. „Es ist immer noch sehr laut mit den vielen Lkw. Und mit Kindern ist die Situation sehr schwierig.“

Weniger Unfälle mit Fußgängern

Nijaza Ferhatbegovic mit ihrer Tochter Amila auf Fahrrädern an der KreuzungMit kleinen Kindern nicht ideal

Allerdings lässt sich diese gefühlte Unsicherheit nicht mit harten Zahlen untermauern. „Die Unfallzahlen sind deutlich zurückgegangen“, betont Ronald Bornemann, Leiter der örtlichen Polizeistation. Seit der Umgestaltung 2008 habe es im Ortszentrum keine Unfälle mit Fußgängern mehr gegeben. „Grundsätzlich verhalten sich die meisten Autofahrer in dem umgestalteten Bereich vernünftiger. Wir beobachten – und das ist einigermaßen unverständlich – lediglich mehr Zusammenstöße der Autofahrer mit Straßenlaternen“, berichtet Bornemann.

Plötzlich stand die kleine Gemeinde im Rampenlicht, die Medienresonanz war riesig, viele Besuchergruppen wollten sich anschauen, was hier in der niedersächsischen Idylle geschehen ist. Bürgermeister Goedejohann berichtet, dass Bohmter im Urlaub immer wieder angesprochen werden als: „Ihr seid ja die Bekloppten ohne Schilder.“ Und der Ruhm des Ortes geht weit über Landesgrenzen hinaus: „Wir hatten Fernsehteams aus Japan und China hier“, erzählt Gustav Kröger, ehrenamtlicher Stadtführer und „Shared Space“-Fan der ersten Stunde. Während des Gesprächs kann der 73-Jährige nicht anders und zeigt immer wieder zur Straße, wenn gerade wieder ein Auto anhält, weil ein Fußgänger den Arm herausgestreckt hat, um die Straße zu überqueren. Kröger hat sich von Beginn an für den Umgestaltungsprozess des „Shared Space“ engagiert, ehrenamtlich, versteht sich. „Wir wurden schon auch angegriffen, und ein bisschen Unsicherheit war schon da. In Holland hatten wir uns das zwar angeschaut, aber wir wussten ja nicht, ob das auch hier vor Ort funktioniert“, erinnert er sich.

Immer noch viele Lastwagen

Doch auch wenn die gestiegenen Kosten für die Umgestaltung – rund 2,1 statt der avisierten 1,6 Millionen Euro – inzwischen verdaut sind und der Verkehr rollt – ein bisschen mehr erhofft von der Umgestaltung hatten sich die Bohmter schon. Im Hinterkopf hatten viele die Vorstellung, dass Neugestaltung und Verlangsamung des Verkehrs vor allem viele Lkw aus dem Ort vergraulen würde. Bisher vergebens. „Da hat sich nicht viel verändert“, gibt der Bürgermeister zu. Weiterhin durchfahren rund 1.000 Lkw am Tag den kleinen Ort. Vielleicht, weil die Zone des „Shared Space“ zu klein und begrenzt ist. Daher träumt man im Rathaus auch davon, die Umgestaltung auszuweiten. Bis zum Bahnhof. Doch dafür fehlt derzeit das Geld.

Annika Franck, WDR.de

  1. 7

    Sunny 26.05.2011 | 11:49 Uhr

    Funktionieren? Na ja, ich habe eher das Gefühl, dass die Füßgänger aufmerksamer sind und weniger die Autofahrer. Hätte ich vor einigen Tagen nicht aufgepasst, wäre ein Auto direkt in den Kinderwagen gefahren. Langsam (...) fahren habe ich dort auch selten jemanden sehen. Vielleicht leistet die etwas im Weg stehende Laterne ja einen kleinen Beitrag dazu, zumindest etwas abzubremsen, wenn man vom Bahnhof kommend in den Shared Space fährt. Ich finde die Umsetzung des Projektes nicht so gelungen.Mehr zeigenWeniger zeigen

  2. 6

    Serena Witberg 26.05.2011 | 10:02 Uhr

    Bevor etwas "funktionieren" kann, muss es verstanden sein. Ein Verkehrsschild, dessen Bedeutung nicht erfasst werden kann, weil die Beschriftung nicht lesbar (fremdsprachlich) ist, entspricht nicht der Funktion, die es haben (...) sollte. Mir ist es "wurscht", ob es ein europäisches Projekt ist und daher englisch als Verkehrssprache gewählt wurde. Ich lebe in Deutschland und ich erwarte, dass Verkehrsschilder, die hier im öffentlichen Raum stehen, sich der hier geltenden Verkehrssprache bedienen. GrußMehr zeigenWeniger zeigen

  3. 5

    Anne Kempin 24.05.2011 | 21:45 Uhr

    Das Projekt Shared Space ist ein Projekt der Europäischen Union. Aufgrund der Vorgaben der EU wurde ein einheitlicher Projektname, nämlich Shared Space, gewählt, um die Einheitlichkeit des Projektes, an dem sieben (...) Projektpartner aus unterschiedlichen Ländern teilnehmen, zu verdeutlichen. Somit wurde englisch als einheitliche Projektsprache gewählt. Viel wichtiger ist aber, dass es funktioniert! LG aus Bohmte Mehr zeigenWeniger zeigen

  4. 4

    H.-W. Oeltzen 24.05.2011 | 10:56 Uhr

    Betr.: Auto - Verkehrsregelung in Bohmte eine interessante Sache und bestimmt Wert zu testen. Nur mit der Begriffsbestimmung in englischer Sprache.... voll daneben!! Sind wir in Deutschland, auf dem Festland , oder auf (...) der Insel oder in der neuen Welt?? Die Aktion hätte eine treffendere Bezeichnung verdient. mfg H.-W. OeltzenMehr zeigenWeniger zeigen

  5. 3

    Serena Witberg 22.05.2011 | 18:28 Uhr

    Bisher dachte ich, die Verkehrssprache in Deutschland ist deutsch. Im Sinne der Barrierefreiheit (u.a. Kinder, geistig Behinderte oder auch über 80 jährige, die des englischen nicht mächtig sind) halte ich es für eine (...) Unverschämtheit, ein Verkehrsschild in Umlauf zu bringen, das fremdsprachlich ist. Meine 75jährige Oma hat davor gestanden und gefragt, was ist den "sared spazze?" Schönen Gruß P.S. "geteilter Raum" tuts doch auch, oder?Mehr zeigenWeniger zeigen