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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Die Saarbahn (Quelle: Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft Saarbrücken mbH (VVS))

Grenzpendler: Auf der Suche nach der Haltestelle

Seit dem Schengener Abkommen verschwimmen Ländergrenzen immer mehr, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen der angrenzenden Staaten werden vertieft. Doch bei einem grenzüberschreitenden Nahverkehr scheitern die Staaten schon an Kleinigkeiten. Für die vielen Berufspendler in Grenzregionen ein katastrophaler Zustand.

Nur rund sechs Prozent der Pendler nutzen in der Großregion, die das Saarland, Luxemburg, Lothringen, Wallonien und die Westpfalz umfasst, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Der Rest reiht sich tagtäglich in die Blechlawinen ein, die auf den Straßen der Region unterwegs sind.

So auch Jens Krüger, der im kleinen lothringischen Sarreguemines lebt und im rund 50 km entfernten saarländischen Eiweiler arbeitet. Die Strecke legt er mit dem Auto innerhalb von 45 Minuten zurück. Mit dem ÖPNV wäre er mehr als doppelt so lange unterwegs. „Der Aufwand ist viel zu groß“, so Krüger, für den eine Nutzung des ÖPNV unter diesen Umständen überhaupt nicht infrage kommt.

„Mobilität ist eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliches Handeln”

Um die Autobahnen und vor allem die Innenstädte der Großregion vor dem Verkehrskollaps zu bewahren, müsste der ÖPNV deutlich verbessert werden. Matthias Schwalbach aus der Arbeitsgruppe Verkehr vom Wirtschafts- und Sozialausschuss der Großregion (WSAGR) setzt sich schon seit Mitte der 1990er-Jahre für einen attraktiven Grenzverkehr ein. Doch oft scheitert es an kleinen, auf den ersten Blick banalen Dingen:

Großregion mit Grenzpendlerrekord
Über elf Millionen Menschen leben in der Großregion, die die Länder Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Wallonien umfasst. Von den 4,2 Millionen Arbeitnehmern überqueren 200.000 täglich mindestens eine Bundes- oder Landesgrenze, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Es ist die Großregion mit der größten Grenzpendlerzahl innerhalb der EU – und vollkommen auf das Auto ausgerichtet: Mit 587 PKW pro 1000 Einwohner ist das „Autoland Saarland“ deutscher Spitzenreiter in Sachen Autodichte, Luxemburg dominiert mit 678 gar die EU-Statistik

Es gibt zum Beispiel keine Monatskarte, die für alle grenzüberschreitenden Verkehrsmittel gleichermaßen gilt. „Wenn man den Zug mal verpasst hat und stattdessen mit dem Bus fahren will, muss man einen neuen Fahrschein lösen. Das ist eine Katastrophe“, so Schwalbach.

Auch der Tarifdschungel sei undurchsichtig und wenig attraktiv. Hinzu kommen weitere „Nicklichkeiten“, die die Freude am ÖPNV kräftig vermiesen. So erklärt Schwalbach, dass es teilweise „pfadfinderische Fähigkeiten“ benötigt, um Haltestellen überregionaler Buslinien ausfindig zu machen. Aussagekräftige Schilder fehlen, die normalen Nahverkehrshaltestellen dürfen nicht mitgenutzt werden.

Verantwortliche denken bis zur Grenze

Unterschiedliche staatliche Ebenen mit unterschiedlichen Gesetzgebungen und unterschiedlich hohen Subventionen des ÖPNV – trotz hochgelobter Multinationalität der Großregion sprechen die Behörden und Unternehmen der Grenzregionen in vielen Belangen des täglichen Lebens im wahrsten Sinne des Wortes nicht dieselbe Sprache.

Grafik der Pendlerströme im Grenzgebiet Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg mit eingetragenen ZahlenGeografische Darstellung des Grenzgebietes Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg

  • Pendlerströme in der Region
  • Geografische Ansicht

Werner Ried, stellvertretender Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) und Buchautor, kritisiert die mangelnde Abstimmung zwischen den Mitgliedern der Großregion. „Die Verantwortlichen denken nur bis zur Grenze“, so der Diplom-Geograf. Abseits technischer Probleme bestünde ein weiteres Hindernis für ein reibungsloses grenzüberschreitendes ÖPNV-Konzept darin, dass sich die Nachbarn zum Teil gar nicht kennen würden, nicht wüssten, wer Ansprechpartner im jeweiligen Nachbarland sei. „Es gibt keine länderübergreifende Institution, die die Vertreter zusammenbringt“, erklärt Ried. Hinzu kommt, dass Lothringen beispielsweise zentral von Paris gesteuert wird – es dort also gar keine regionalen Entscheidungsträger gibt. Ein Gesamtkonzept zur Verbesserung des Pendlerverkehrs fehlt bislang gänzlich. „Es fehlt offensichtlich der Problemdruck, alle kommen irgendwie zurecht“, schreibt Ried in seinem Buch „Auf die Schiene mit der Großregion“.

Grenzverkehr zwischen dem Saarland und Frankreich (Quelle: SR)Grenzverkehr zwischen Deutschland und Frankreich

Grenzenloses Pendeln ist machbar!

„Irgendwie zurechtkommen“ müssen auch die Pendler.  Glücklich dem, der in einer größeren Stadt wohnt. Denn dort funktioniert der grenzüberschreitende Verkehr teilweise recht gut. Dirk Grewenig beispielsweise pendelt von Trier ins 50 km entfernte Contern in Luxemburg: „Von Trier aus ist die Verbindung mit dem ÖPNV ganz gut. Viele Leute wohnen aber auch in kleinen Vororten. Von dort ist es schwierig, eine schnelle Verbindung zu bekommen.“

Die Bewohner von ländlichen Regionen greifen deshalb immer öfter zur Selbsthilfe, organisieren sich übers Internet und bilden Fahrgemeinschaften. Aber ist das wirklich die Lösung? Muss nicht die Politik langfristige Konzepte und Modelle finden?

Denn grenzüberschreitender Nahverkehr ist nicht unmöglich. Das zeigt ein Beispiel von der deutsch-niederländischen Grenzregion: Hier wurde die Bahnstrecke zwischen Enschede und Gronau 2001 wiederbelebt und erfreut sich seitdem regen Pendlerzuspruchs. Ebenfalls sehr gut angenommen wird die Vogtlandbahn, die Tschechien mit dem Vogtland verbindet.

Auch Werner Ried setzt auf die Schiene: Mit einem Zug, der die vier großen Städte der Großregion, Metz, Saarbrücken, Luxemburg und Trier, durchfährt, will er die Mobilitätsprobleme der Großregion lösen. Zukunftsmusik, für die erst einmal ein Dirigent gefunden werden muss, der alle Beteiligten zu einem Orchester vereint.

Katrin Blass (SR)