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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Mann mit Handy und Laptop (Foto: Colourbox)

Mobil und immer bereit? Die Zukunft des Arbeitens

Er arbeitet mit dem Laptop im Zug oder mietet sich tageweise einen Schreibtisch: Der flexible Arbeitnehmer sitzt nicht mehr von 9 bis 17 Uhr im immer gleichen Büro unter den immer gleichen Kollegen. Arbeit ist unabhängig von Zeit und Ort geworden. Die neu gewonnene Freiheit hat aber auch Nachteile.

„Wir sitzen alle zu viel vor dem Monitor. Der Job frisst unsere Freizeit auf, obwohl wir wissen, dass uns die besten Ideen meist nicht bei der Arbeit kommen“, so beschreibt der Journalist und Autor Markus Albers in seinem Buch „Morgen komm ich später rein“ den Alltag vieler Arbeitnehmer. „Zwischen Meetings, Deadlines und purem Abwarten, bis der Chef Feierabend macht, haben viele Menschen das Gefühl, sie hätten in vier oder fünf Stunden effizienter, selbstbestimmter Zeit genauso viel leisten können.“

Der klassische 9-bis-17-Uhr-Job als Auslaufmodell

Doch die Zeiten wandeln sich – auch auf dem Arbeitsmarkt. Berufe, in denen man 40 Jahre in den immer gleichen Strukturen für ein und dasselbe Unternehmen arbeitet, verlieren an Bedeutung. Und auch dem klassischen 9-bis-17-Uhr-Bürojob kehren immer mehr Arbeitnehmer den Rücken. Ob von zuhause aus oder im Café, ob mit anderen Gleichgesinnten in einer frei gewählten Bürogemeinschaft oder mit Laptop und Handy auf Reisen: Arbeitsmarktforscher schätzen, dass aktuell in Deutschland bereits 20 bis 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung einer mobilen und flexiblen Beschäftigung nachgehen. „Der Anteil wird in den nächsten Jahren weiter steigen“, ist Josephine Hofmann, Arbeitswissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft- und Organisation in Stuttgart, überzeugt.

 

Neue Formen der Arbeitsorganisation finden vor allem in den Informations- und Wissensberufen ihre Anwendung, also bei all jenen, die in ihrem Berufsalltag sowieso bereits viel mit Smartphone und Notebook hantieren. „Der Arbeiter am Fließband wird auch in Zukunft in der Fabrikhalle arbeiten. Er kann ja nicht einfach seine Produktionsmittel mit nach Hause nehmen“, so Hofmann. Auch Einrichtungen mit Publikumsverkehr wie Ämter, Banken oder Krankenhäuser werden nicht auf feste Arbeitszeiten und Arbeitsplätze verzichten können.

Co-Working: Gemeinsam ist man weniger allein

Beschäftigte in anderen Bereichen können sich ihren Arbeitsplatz aber bereits heute frei wählen. „Theoretisch kann man mit seinem Notebook auch auf dem Bahnsteig arbeiten, aber dort ist es meist zugig oder laut und man ist leicht abgelenkt“, gibt die Fraunhofer-Expertin zu bedenken. Und obwohl viele Menschen die Möglichkeit genießen, von überall aus ihrer Tätigkeit nachgehen zu können – ganz allein und isoliert wollen am Ende doch die wenigsten arbeiten.

Hier setzt sich als neuer Trend das „Co-Working“ durch. Mehrere Einzelkämpfer teilen sich ein Gemeinschaftsbüro. Mittlerweile gibt es vor allem in Großstädten Einrichtungen, in denen Schreibtische bei Bedarf auch nur tage- oder stundenweise angemietet werden können. Der Vorteil: einerseits bleibt man unabhängig, andererseits verliert man nicht die Verbindung zur Außenwelt, kann gegebenenfalls das Feedback von Kollegen einholen, neue Kontakte knüpfen oder gemeinsam Projekte bearbeiten.

 

In vielen Unternehmen kommt außerdem das so genannte „Desksharing“-Modell in Mode. Wenn Mitarbeiter unterwegs sind oder von zu Hause arbeiten können, brauchen die Unternehmen selbst nicht mehr so viel Platz. Zusätzlich sparen die Firmen Kosten für Schreibtische und Computer, wenn sich mehrere Beschäftigte im Bedarfsfall einen Arbeitsplatz teilen.

Grenzen setzen – und einhalten

Viele Beschäftigte schätzen am mobilen Arbeiten die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und auch für immer mehr Firmen gilt mittlerweile: Zufriedene Mitarbeiter bringen eine gute Leistung im Job – egal wann und wo sie arbeiten. Doch bei all den Vorteilen sieht Arbeitswissenschaftlerin Josephine Hofmann auch die Gefahren, die flexible Beschäftigungsmodelle mit sich bringen: „Manche Personen sind überengagiert. Vor lauter Multitasking und ständiger Erreichbarkeit können die Leute am Ende nicht mehr abschalten.“ Die Grenzen von Job und Privatleben weichen auf. Wer sich nicht von Anfang an selbst feste Regeln setzt und diese auch einhält, den kann mobiles Arbeiten krank machen.

Dirk Jostes, rbb online