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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Menschen in der Stadt

Bunter, leiser, voller: Die Städte der Zukunft

Bunter und leiser – aber auch noch voller und vermutlich teurer: Das Leben in Städten wird sich in den kommenden Jahrzehnten sichtbar verändern, davon ist Stadtplaner Klaus Beckmann überzeugt. Er prognostiziert eine “Renaissance der Städte” und erklärt im Interview, wie sich Städte auf den Klimawandel einstellen können.

Herr Prof. Beckmann, was verstehen Sie unter der „Renaissance der Städte“?

Prof. Klaus Beckmann: Die Städte werden aus meiner Einschätzung ihre Attraktivität behalten und sogar eher noch steigern. Sowohl als Wohnstandorte, weil städtisches Wohnen und städtisches Leben durch die Veränderungen der sozialen Zusammenhänge, der Haushalts- und Altersstruktur noch attraktiver werden wird. Aber auch als Arbeitsstandorte, gerade in hochwertigen und zukunftsorientierten Branchen, die auf viele Kontakte und ein innovatives Umfeld angewiesen sind. Beispiele hier sind die Kreativwirtschaft sowie Wissenschaft und Forschung.

Was sind Kernpunkte für diese Entwicklung?

Stuttgarter Verkehr bei NachtLeben in der Stadt

Beckmann: Menschen leben zunehmend in kleinen Lebensgemeinschaften, oft mit wenigen Kindern, möglicherweise als allein Erziehende. Und diese Lebensgemeinschaften sind sehr viel stärker auf die städtische Infrastruktur angewiesen: den Laden, den Arzt, die Schule und den Kindergarten in der Nähe, aber auch das Kino und das Theater für den Abend. Wenn Sie sich zum Beispiel Köln oder Berlin anschauen: Hier gibt es noch die Viertel, die entsprechende Infrastruktur und Geschäfte haben. Solche Strukturen zu stützen und zu stärken ist ein ganz wichtiger Punkt. Und dazu gehört natürlich auch, dass Mobilitätsmöglichkeiten – zu Fuß, mit dem Fahrrad, Öffentlichem Nahverkehr, mit dem Auto – vorhanden sein müssen.

Wie wird sich der Suburbanisierungsprozess, der ja durch Eigenheimzulage und Pendlerpauschale politisch stark unterstützt wurde, entwickeln?

Beckmann: Es bleibt eine gemischte Situation. In Städten und Regionen mit Schrumpfungsprozessen in der Bevölkerung – zum Beispiel im gesamten Osten, im Saarland, aber auch Teilen Nordrhein-Westfalens und Bayerns – ist das suburbane Wachstum gestoppt. Schauen Sie sich eine typische Lebensbiografie an: Am Anfang nutzen Sie die Stadt mit ihrem vielfältigen Angebot. Wenn Sie Kinder bekommen, überlegen Sie schon: Haben wir nicht eine Phase, in der wir einen kleinen Freiraum haben möchten – also den berühmten Garten? Und wenn dann die Städte solche Möglichkeiten nicht bieten, oder eben nur zu sehr hohen Preisen, dann werden die Menschen auch weiterhin nach draußen gehen. Aber eben später, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wieder zurückgehen. Beispiel sind Städte im Ruhrgebiet, in die mehr Menschen hin- als wegziehen. Bei einer Befragung unter dem Titel „Stadtleben“ in der Region Köln haben wir festgestellt, dass bei vielen Senioren der Wunsch besteht, aus dem zu großen Haus auf dem Land in eine mittelgroße Stadt zu ziehen. Voraussetzung ist, dass sie das Haus verkauft bekommen und sich eben auch die Lebenshaltungskosten in der Stadt leisten können, das ist nicht immer einfach. Und diese Entwicklung ist noch sehr labil.

Neubausiedlung aus der LuftTraum vom Leben im Grünen

Allerdings beobachten wir auch, dass die Menschen ganz genau nachrechnen und sich informieren: Wenn Sie in München oder Hamburg die Gesamtkosten des Wohnens kalkulieren – die Wohnung oder den Abtrag für das Haus, dazu aber auch die Alltagskosten für Mobilität mitrechnen – dann nehmen die Kosten vom Zentrum nach außen hin nicht unbedingt ab, weil die abnehmenden Wohnkosten von steigenden Mobilitätskosten überlagert werden. Und dazu gibt es inzwischen entsprechende Beratungsinstrumente im Internet, die sind eine wichtige Hilfe.

Wie sieht das Leben in Stadt und Land in 30 Jahren aus?

Beckmann: Das Leben in der Stadt wird leiser, weniger emissionsbelastet sein, die Städte werden von der sozialen und ethnischen Struktur noch bunter, die Lebensformen noch vielfältiger sein. Die Städte werden weiterhin finanzielle Probleme haben. Und sie werden mit der Situation des Klimawandels umgehen müssen. Ein Beispiel: Bisher werden vor allem in größeren Städten Brachgrundstücke meist bebaut, und das oft verdichteter als vorher. Mit dem Klimawandel steigen die Temperaturen in den Städten, und da werden Stadtplaner darüber nachdenken müssen, mehr Grünflächen und damit Temperaturinseln zu schaffen. Vier bis fünf große Bäume reduzieren die Temperatur in ihrer Umgebung um bis zu sieben Grad Celsius. Hinzu kommt, dass durch Grünflächen Luftbewegung entsteht, die eine bessere Durchlüftung und ein angenehmeres Klima zur Folge hat.

Straßencafe in MerseburgLeben im beschaulichen Merseburg

Auf dem Land befürchte ich, dass sich die Infrastruktur noch weiter konzentrieren wird. Kleine Geschäfte werden verschwinden, die Wege werden weiter, und das bei steigenden Energiekosten. Auf der anderen Seite ist der Luftaustausch besser, so dass klimatische Veränderungen vielleicht besser auszuhalten sind. Schrittweise – das wird nicht schnell gehen – gehe ich von einer Konzentration in Klein- und Mittelstädten mit entsprechender Infrastruktur aus.

Annika Franck, WDR.de

  1. 4

    Martin Bitta 24.05.2011 | 21:40 Uhr

    Ich wünschte mir, Prof. Beckmann hätte recht, denn viel zu oft werden bei Wohnstandortentscheidungen die zwangsläufig steigenden Mobilitätskosten nicht berücksichtigt. Somit werden periphere Bauplätze bevorzugt und (...) später lamentiert, dass der Steuerzahler (in Form der Pendlerpauschale) die steigenden Kosten nicht bezahlt. Außerdem wird nach wie vor das scheinbare Idyll vom Häuschen im Grünen als aller Ziel verbreitet, Entscheidungen für städtisches Wohnen dagegen als Armutsbeweis belächelt.Mehr zeigenWeniger zeigen

  2. 3

    CarlosGotti 24.05.2011 | 16:29 Uhr

    Ich werde mit Sicherheit nicht versuchen, auf ein Dasein in irgendeiner Groß-Stadt angewiesen sein zu müssen. Vor allem auf die ausufernde Kriminalität von schlecht integrierbaren Gelegenheits- und Intensivtätern, (...) Jugendlichen Banden usw. habe ich überhaupt kein Bock. Der eigene Garten, das grüne Umfeld für die Seele, der Frieden mit der Natur, all das opfere ich nicht. "Die Städte werden [...] noch bunter..." Wer zwischen den Zeilen lesen kann, weiß was das bedeutet, nein danke.Mehr zeigenWeniger zeigen

  3. 2

    Daniel Rabuza 22.05.2011 | 15:07 Uhr

    Ich habe 4Jahrzehnte meines Lebens im Ruhrgebiet verbracht, in verschiedenen Städten und kann mich der Feststellung des Professors nicht anschließen was die Situation angeblicher Rückkehrer ins Ruhrgebiet anlangt (...) ("Beispiel sind Städte im Ruhrgebiet, in die mehr Menschen hin- als wegziehen.)" Alle großen Städte im RG leiden nicht nur am "Wegsterben", sondern auch am Wegzug. Dies läßt sich leicht aus den statistischen Jahrbüchern der Städte nachlesen. Die Fakten sehen also anders aus.Mehr zeigenWeniger zeigen

  4. 1

    Manfred Leitner 22.05.2011 | 14:17 Uhr

    Die größte Bedrohung geht von der Atomkraft und ungelösten Endlagern aus. Durch Erderwärmung sind Küstenregionen in Gefahr. Geht z. B. Bremen unter ? Von dort erfolgt Flucht in höher gelegene Zonen. Extrem hohe (...) Staatsverschuldungen bringen in kürzester Zeit Kapitalvernichtung und Wohlstandsverluste mit steigender Armut weiter Bevölkerungsschichten. So wie zuletzt geht es nicht weiter. Die Menschen wandern dort hin, wo sie Arbeit und Brot finden. Das sind nicht immer nur BallungszentrenMehr zeigenWeniger zeigen