Logo der ARD Themenwoche
Wir sind eins. ARD
Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

Startseite Mobilversion
Stress im Arbeitsleben, Quelle: colourbox

E-Mail-Flut und Handy-Klingeln: 300 Mal Alarm am Tag

Jeder E-Mail- oder Handy-Ton schickt ein Signal ins Hirn. Hormone fluten den Körper, der Puls steigt, das Blickfeld wird enger – alles ist zur Flucht bereit. Jeder Ton löst Stress aus. Minimal zwar, dank Laptop und Smartphone aber jederzeit und überall. Die Belastung steigt und Dauerstress macht krank. Ein Erfahrungsbericht.

Handys, Internet, Smartphones, I-Pads und Cloud-Computing – die schöne neue Technik erschließt uns immer neue, immer faszinierendere Möglichkeiten des Austausches. Und so verführen die “mobilen Endgeräte” mit ihren Superleuchtschirmen in der Bahn, im Café, im Konzert und sogar im Kino dazu, schnell noch einmal die E-Mails zu checken; zu schauen, was gerade in Foren oder Twitter, StudiVZ oder Facebook diskutiert wird, oder ob der Chef noch irgendwo eine Nachricht hinterlassen hat. Zeit zum Durchatmen, Zeit zum Durchblicken – Fehlanzeige. Die neue Arbeitswelt frisst sich hemmungslos in die Freizeit und in die Familien hinein. Und die Technik hilft ihr dabei.

Auch Juliane D. (Name von der Redaktion geändert) ist immer mit Smartphone und Laptop unterwegs. Die 62 Jahre alte Vollblutautorin hat wenig Zeit, arbeitet immer, auch am Wochenende und im Urlaub. Und natürlich lässt sie U-Bahn-Fahrten nicht ungenutzt verstreichen: Mit dem Telefon kontrolliert sie verschiedene wichtige Foren und E-Mails. Davon bekommt sie so etwa 300 täglich – und bis vor Kurzem hat sie noch während der Fahrt den Laptop aufgeklappt und wichtige Anfragen sofort beantwortet. Das macht sie inzwischen nicht mehr – ihr Körper hat sie zu einer Pause gezwungen.

Fluchtreaktionen am laufenden Band

Jedes Handy-Klingeln stresst und jede E-Mail fordert Aufmerksamkeit. Und der menschliche Körper reagiert auf jede E-Mail gleich, weiß Professor Rüdiger Trimpop von der Universität Jena: Immer läuft im Körper eine kleine Alarmreaktion ab. Dabei ist es dem Arbeitswissenschaftler zufolge egal, ob die Nachricht eine positive oder eine negative ist. Daher braucht der Körper Erholungsphasen. “Wann immer ich keine Pausen habe, wird der Organismus auf Dauer krank. Und wann immer die Menschen das Gefühl haben, ständig erreichbar sein zu müssen, rauben sie dem Körper die Erholungsmöglichkeit.”

300-mal also täglich Mini-Stress für Juliane D., für die Pausen lange Zeit ein Fremdwort, Stress im Arbeitsleben hingegen normal waren. “Schreiben”, sagt sie stolz, “ist mir ein inneres Anliegen.” Und so  ließ sie immer und jederzeit die Arbeit ins Private. Bis ihr Organismus im Spätherbst 2010 nicht mehr mitspielt. Ein Aneurysma zwingt die alleinerziehende Freiberuflerin zum Umdenken: Eine Ader in ihrem Bauchraum hat sich geweitet, erste Blutgerinnsel haben sich gebildet. Lösen sie sich, droht ein Organinfarkt – bei Milz, Darm oder Leber – eben dem ersten Organ, das der Blutpfropfen erreicht.

Smartphones verschärfen den Stress

Juliane D. schwebt in Lebensgefahr. In Absprache mit den Ärzten ändert sie ihr Leben – für ihre Verhältnisse – radikal. Sie muss lernen, vor Mitternacht ins Bett zu gehen, muss lernen, eine halbe Stunde rauszugehen, muss Pausen in ihr Leben lassen. “Das Aneurysma”, so sagt sie heute, wenn sie von dieser Zeit und ihrem Burn-out spricht, “hat mir gezeigt, wie erschöpft ich war. Und noch immer, auch Monate später, spüre ich eine tiefe Erschöpfung.” Grund dafür ist auch die elektronische Mobilität, davon ist die Medizinjournalistin überzeugt. Sie selbst hat die Beschleunigung der Arbeit mit faszinierenden neuen technischen Möglichkeiten erlebt, hat doch noch an der Schreibmaschine angefangen, in einer sehr arbeitsteiligen Welt.

Der Arbeitspsychologe Trimpop ist sich sicher, „Tablet-Computer, Smartphones und Webplattformen verschärfen heute den Stress”. Sie dienten dazu, Arbeit zu vermitteln. Es entstehe der Anspruch zu arbeiten und zwar sofort – und zwar an dem Thema, das man zuvor per Mail verschickt hat. „Das, was manchmal hilfreich ist, wird auf Dauer ein massiver Stressor.” Ständige Umbrüche, kurze Arbeitsverträge und keine Aussicht auf die Früchte der Arbeit, verstärkten den Stress noch mehr.

Hamsterrad ohne Aussicht

Juliane D. weiß genau, wovon Trimpop spricht. Sie erlebt in ihrer Branche gerade einen Umbruch. Qualität ist nicht mehr entscheidend: „Ich habe zwei Jahrzehnte geknüppelt. Und in den vergangenen Jahren haben sich die Honorare halbiert. Das heißt, man muss jetzt doppelt so viel arbeiten. Das ist jetzt der Moment, wo ich im Alter zunehmend an meine Grenzen komme.” Ihr Geschäftsmodell ist ins Wanken geraten, die Aufträge sind nicht mehr so dicht gesät wie früher. Sie muss nun härter verhandeln und bei Auftragslücken – eine Erfahrung, die sie nie zuvor hatte – darauf achten, dass sie sich nicht übernimmt.

E-Mails ruft sie weiter unterwegs ab, reagiert aber nicht sofort, sondern genießt die Fahrt in der Bahn. Ganz will sie sich den neuen Kommunikationsmöglichkeiten nicht entziehen. Darf sie als eigener Chef auch nicht, meint der Psychologe und Experte für Laufbahnberatung, Claas Triebel. In der Zeitschrift “Report Psychologie” kommt er zu dem Schluss, dass Mobilität, Flexibilität und Erreichbarkeit lange als Synonym für unseren Freiheitsbegriff funktionierten. Inzwischen aber geschehe die Teilhabe daran schon längst nicht mehr freiwillig. “Wer an Wohlstand und Wachstum teilhaben will, muss mitziehen.”

Kleiner Trost: Claas Triebel, Autor des Buches „Mobil, flexibel, immer erreichbar“ ist davon überzeugt, dass künftige Generationen besser mit diesen neuen Formen der Arbeits- und der Selbstorganisation umgehen können:
“Das ist jetzt eine akute Übergangsphase, in der viele Leute Übergangsschwierigkeiten damit haben. Es kann sein, dass die Generation nach uns leichter damit zurechtkommt, weil die es nicht anders kennt.”

Anja Neubert, MDR.de

 

  1. 4

    henry 29.05.2011 | 19:58 Uhr

    das ist fürchterlich..die menschen kennen sich untereinander nicht mehr,auch ganze familie kommunizieren sich nur per handy..am schlimmsten sind für mich,beim ice fahrt,die aufgeblasenen gesischtern von büromenschen,die (...) sich wichtig nehmen,selten ein wort des dank oder bitte an die zugbegleiterinnen...henryMehr zeigenWeniger zeigen

  2. 3

    C Abrantes 28.05.2011 | 23:19 Uhr

    Heute zeigt man Macht und Geist dadurch, dass man emails nur von der Sekretärin lesen und, wenn wichtig, ausdrucken läßt, kein smartphone hat, nicht auf GSM oder SMS antwortet. Auf ausgesuchte mails antwortet man nach (...) einigen Tagen, vielleicht. Niemand sollte diese 'neue' Welt akzeptieren, der irgendwann einmal etwas werden will. Das ist eine Welt der irren Gedankenlosigkeit. Die Masse kann niemand bewältigen und das Niveau ist ohnehin meist unterirdisch.Mehr zeigenWeniger zeigen

  3. 2

    Ado 28.05.2011 | 21:29 Uhr

    das wurde 1994 auch über die ersten Handys gesagt als die in Massen herauskamen ....

  4. 1

    dreifels 28.05.2011 | 02:47 Uhr

    Problem hab ich nicht. Hab kein Smartphone, mein Handy ist immer aus. Wer was von mit will, soll mir ne email schicken. Die kann ich vorsortieren und beantworten, wann ich Lust habe. Handy nur für wenige sehr wichtige (...) Personen und für Notfälle. Fragt mch einer nach meiner Telefonnummer, sag ich, ich hab keins, er soll Emailen. Und SMS nehm ich generell nicht an. Hintertgrund ist zudem: Ich kann umsonst vom Handy ins Festnetz telefonieren, also ruf ich zurück, wenns Festnetz ist, sonst nicht.Mehr zeigenWeniger zeigen