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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Schwimmerin Kirsten Bruhn im Wasser, Quelle: Jörg Lühn

“Im Wasser fühle ich mich frei”

Kirsten Bruhn ist eine der erfolgreichsten Schwimmerinnen im paralympischen Sport. Seit einem Motorradunfall im Jahr 1991 auf der Urlaubsinsel Kos, bei dem sie eine inkomplette Querschnittslähmung erlitt, ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Im Interview spricht die 41-Jährige über die Zeit nach dem Unfall, den Weg zurück ins Leben und welche Rolle der Sport dabei gespielt hat.

Frau Bruhn, Sie waren 21 Jahre alt, als sie im Urlaub mit dem Motorrad verunglückt sind. Ein Alter, in dem Körperlichkeit, Freiheit und der Drang nach Bewegung und Veränderung eine große Rolle spielen. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als man Ihnen mitgeteilt hat, dass Sie nicht mehr laufen können werden?
Kirsten Bruhn: Erst einmal geht einem da gar nichts durch den Kopf. Ich war im Schockzustand. Und der hat lange angehalten. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann sind die ersten zehn Jahre nach dem Unfall wie eine Grauzone. Ich habe erst spät angefangen, mich wirklich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. Im Grunde hat man das Gefühl, dass man zur Welt und zum Leben nicht mehr dazu gehört. Die eigene Welt besteht aus dem Krankenhaus, dem Bett und Schmerzen. So war das jedenfalls bei mir. Ich bin erst 1997 langsam wieder in die Realität zurückgekommen.

Haben Sie da auch angefangen, die neue Situation mit der eingeschränkten Bewegungsfähigkeit zu akzeptieren?
Akzeptieren werde ich es nie. Ich arrangiere mich damit und versuche, das Beste daraus zu machen. Ich sehne mich heute noch danach, laufen zu können, tanzen zu können, hohe Schuhe tragen zu können, am Strand ungezwungen zu laufen. Spontan zu sein und nicht durch die Physis ausgebremst zu werden.

Welche Rolle hat bei der Verarbeitung des Unfalls der Sport gespielt?
Eine ganz Große. Es war der erste Schritt zurück in das Leben, das ich vor dem Unfall hatte. Anzuknüpfen an die Normalität. Wenn man heute überhaupt von Normalität reden kann. Vielleicht ist es besser zu sagen, an meinen normalen Ablauf, den ich vor dem Unfall hatte.

Sie schwimmen seit Ihrem dritten Lebensjahr. Können Sie sich an das erste Schwimmen nach dem Unfall erinnern?
Ja, es war der Horror, die absolute Hölle.

Warum?
Es war kein Schwimmen. Es war eher ein Treiben. Wie ein Stück Treibholz. Ich hatte die Beine nicht unter Kontrolle. Mein Po kam immer hoch über die Wasseroberfläche. Da konnte ich nicht gegen an arbeiten. Zwar wusste der Oberkörper, was er machen sollte, aber der gesamte Unterkörper hat das nicht zugelassen. Ich war schockiert. Aber gleichzeitig war das auch wie ein Startschuss für mich. Das konnte nicht so bleiben.

Ab wann haben Sie denn die Ausrichtung auf den Leistungssport gelegt?
Das war 2002 während meiner zweiten Kur. Ich mochte die gesellschaftlichen Abende nicht. Filme gucken oder irgendetwas basteln war einfach nicht meine Sache. Ich bin dann immer in die Schwimmhalle gegangen. Ein Therapeut, der ja immer dabei sein musste, hat mich beobachtet und später angesprochen. Das sei ja ganz schön schnell, ob ich das nicht mal in einem Wettkampf mit anderen Behinderten unter Beweis stellen wolle? Das hat mich am Anfang zusätzlich geschockt.

Wieso geschockt?
Im Alltag zu akzeptieren, dass man behindert ist, ist die eine Sache. Das auch noch nach außen und mit Stolz in einem sportlichen Wettkampf in der Öffentlichkeit zu zeigen, noch einmal eine ganz andere. Den Zettel mit der Adresse der entsprechenden Ansprechpartner wollte ich eigentlich gleich wegwerfen. Ich habe es aber nicht gemacht. Im Grunde war das der Startschuss für das, was ich heute mache.

Wie fühlt sich das Wasser heute für Sie an?
Einfach gut. Im Wasser spüre ich die Behinderung nicht. Ich sitze ja im Alltag zu 98 Prozent im Rollstuhl. Im Wasser ist diese visuelle Behinderung nicht da. Und es ist einfach ein schönes Gefühl, nicht als Behinderter wahrgenommen zu werden, schneller zu schwimmen als andere auch Nichtbehinderte. Ich knüpfe damit auch an mein altes Leben an. Im Wasser fühle ich mich frei. Dazu kommt der Wettkampf. Ich liebe es, mich zu messen. Das war der Effekt, den ich gebraucht habe, um zu sehen, ich lebe wieder. Und vor allem, ich habe wieder Spaß am Leben.

Was unterscheidet den paralympischen vom olympischen Sport?
Kirsten Bruhn, Quelle: picturealliance/dpaKirsten Bruhn: "Ich liebe es, mich zu messen"Er ist menschlicher. Er ist noch mehr Sport. Die olympische Szenerie ist mehr Geschäft. Das macht uns menschlicher und authentischer. Am olympischen Sport hängt zu viel Geld. Wobei wir natürlich auch gerne mehr Sponsoren hätten – auch wenn die Situation in den vergangen Jahren bei uns schon besser geworden ist. Ich hoffe, dass die Öffentlichkeit in Zukunft wahrnimmt, dass es nicht besser ist, was mir machen, aber eben genauso gut.

Wie ist das denn im Alltag, wo spüren sie da Ihre Behinderung?
Im Grunde genommen werde ich permanent daran erinnert. Das beginnt schon, wenn ich aufstehe. Ich brauche morgens Zeit, um in den Tag zu kommen. Da hilft es nicht, wenn man sich sitzender Weise vom Bett in den Rollstuhl bewegen muss. Es war leichter als ich aufstehen und umherlaufen konnte, und so meinen Kreislauf in Schwung bringen konnte. Hinzu kommt, dass ich aus meiner Wohnung gehe.

Sie gehen?
Ja. Ich gehe zum Auto. Dabei muss ich mich sehr konzentrieren. Das nervt mich auch nach 20 Jahren noch. Nichts geht, ohne darüber nachzudenken. Ich muss immer gucken, wo ich meine Füße hinsetze, weil ich kein Gefühl in den Füßen habe. Und es gibt einfach Veranstaltungen, bei denen ich Auge in Auge mit meinen Gesprächspartnern sein möchte. Dann möchte ich nicht aus dem Rolli zu anderen aufschauen, oder dass sie auf mich herabsehen.

In Deutschland gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wie die Integration von Menschen mit Behinderung besser gelingen kann. Was sagen Sie dazu?
Ich fände es besser, wenn weniger darüber gesprochen und mehr gemacht würde. Uns fehlen auch die Vorbilder. Gerade in der Politik. Selbst Wolfgang Schäuble möchte ja nur als Politiker und nicht als Mensch mit Behinderung wahrgenommen werden. Außerdem wird der Begriff Barrierefreiheit immer nur mit Menschen mit Behinderung in Verbindung gebracht. Dabei gilt er auch für Ältere oder für junge Mütter mit Kinderwagen. Das Miteinander geht so flöten. Das finde ich sehr schade.

Haben Sie ein Beispiel dafür, wo Integration heute schon funktioniert?
Beim Sport. Wir brauchen keine Vereine, die speziell für behinderte Menschen da sind. Die Sportler untereinander haben überhaupt keine Berührungsängste.

Und wo funktioniert es nicht?
Ganz schlimm finde ich öffentliche Gebäude, bei denen es keine Barrierefreiheit gibt. Da werden wir Rollis dann durch den Hintereingang oder die Tiefgarage durchgeschleust. Manchmal geht es auch durch die Küche. Dabei ist das bestimmt wegen der Hygienevorschriften nicht erlaubt. Das ist schlimm, entwürdigend und macht mich wütend.

Erinnern Sie sich daran, wie es war, als Sie zum ersten Mal im Rollstuhl saßen? War da eher das Gefühl, Sie erhalten ein Stück Mobilität zurück, oder eher die Angst davor, als behinderter Mensch stigmatisiert zu werden?
All diese Dinge zusammen. Am Anfang war es sehr schmerzhaft, überhaupt in den Rollstuhl zu kommen. Ich bin über ein Brett aus dem Bett in den Rollstuhl gerutscht, weil mir die Kraft fehlte, mich rüber zu ziehen. Aber wenn man dann einmal sitzt und sich vom Bett weg bewegt, dann spürt man, es geht voran. Ich gehöre zu dieser Welt.

Jürgen Bröker, sportschau.de

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    Ernst Denneborg 20.05.2011 | 14:47 Uhr

    Kirsten Bruhn hat Recht:Mobilität ist für Menschen mit Behinderung eine "conditio sine qua non", d.h. ohne sie wird Integration nie vollständig gelingen. Öffentliche Gebäude, Hotels, Restaurants sowie die Verkehrsmittel (...) Schiff, Flugzeug und Bahn sind unter dem Gesichtspunkt noch in großem Umfang optimierungsbedürftig. Dabei kommt es nicht allein auf den barierefreien Zugang an, sondern auch auf Einrichtungen wie ein rollstuhlgerechtes WC, damit man nicht nur einen Kaffee trinken kann.Mehr zeigenWeniger zeigen