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ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Linienbus

Wie wird Busfahren sexy?

Auto stehenlassen und Umsteigen auf Bus und Bahn – das wäre eine gute Lösung für unsere Verkehrsprobleme. Doch dafür müsste der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) erstmal attraktiv sein. Daran scheitern Wirtschaft und Politik – wohlwissend und entgegen dem Verbraucherinteresse.

Sich auf feste Abfahrtszeiten und Haltestellen sowie überfüllte Fahrzeuge einzustellen, behagt vielen Menschen nicht. Sie steigen doch lieber ins eigene Auto. Denn der heutige Nahverkehr ist vielerorts in Deutschland einfach die schlechtere Variante, um von A nach B zu kommen.

Verbraucherinteresse nicht berücksichtigt

Wie könnte der Nahverkehr attraktiver werden und besser funktionieren? Dafür sind zunächst grundlegende Reformen nötig, fordert Ottmar Lell, Verkehrsexperte vom Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Ein Problem seien die festgefahrenen Strukturen: „Es gibt Taxiverkehr und Linienverkehr – dazwischen gibt es nichts.“ Vorstellbar wäre, individuelle Routen zusammenzustellen: „Mit Hilfe moderner Kommunikationsformen könnten Fahrgäste ihre Ziele angeben, die werden gesammelt und koordiniert. Das wäre besser als ein großer Bus im Linienverkehr, und günstiger als ein Taxi“, sagt Lell. Doch solche Formen der flexibleren Mobilität seien durch das Personenbeförderungsgesetz verboten. Und schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht. Derzeit wird das Gesetz überarbeitet, der Entwurf für die Neufassung aus dem Verkehrsministerium wird in der Bundesregierung abgestimmt. Doch auch die Novelle sieht in diesem Punkt  – , dem so genannten nicht-liniengebundenen Verkehr – , keine Veränderung vor, kritisiert Lell. „Daran hat – außer den Verbrauchern – niemand Interesse, die Taxiunternehmer und die Kommunen als häufige Betreiber der Buslinien verteidigen das, was sie haben.“

Stadtbussystem als Alternative

Busbahnhof Euskirchen, Quelle: WDR/HackenbergWer steigt um in den Bus?Immerhin: Es gibt Beispiele für Kommunen, die beim Nahverkehr innovativ sein wollen. Blick zurück in die 1990er Jahre, nach Euskirchen: Rund 55.000 Einwohner hat die Kreisstadt in der Eifel, das Einzugsgebiet ist ländlich geprägt. Typisch für Städte dieser Größe ist damals, dass so gut wie kein ÖPNV existiert. „Es gab nur eine Stadtlinie und einige Busse von außerhalb“, erinnert sich Thomas Mager, damals Prokurist der Stadtverkehr Euskirchen GmbH (SVE). Das ändert sich im Jahr 1995, als der Stadtrat beschließt, die Parkraumbewirtschaftung einzuführen. Um den Menschen einen Alternative zur Fahrt in die Stadt mit dem eigenen Auto zu bieten, reift der Entschluss, ein Stadtbussystem zu etablieren.

“Muss denn alles so toll aussehen?”

Die Ziele sind hoch gesteckt: Es gibt einen 30-Minuten-Takt, das Haltestellennetz wird so ausgebaut, dass in der Innenstadt kein Standort mehr als fünf bis sechs Minuten Fußweg von der nächsten Haltestelle entfernt ist. Die Passagiere steigen in moderne Busse, ausgestattet mit Niederflurtechnik, Klimaanlage, Musikanlage zum Radiohören und bequemen Sitzen. Am zentralen Busbahnhof kommen alle Linien gleichzeitig an, um das Umsteigen zu verbessern. Auch der Wechsel zu Regionalbahnen und Regionalexpressen ist hier möglich. „Ein ganz wichtiger Aspekt war das Marketing“, betont Mager, der inzwischen als selbstständiger ÖPNV-Berater tätig ist. Teil dieser Strategie: Ein neues Kundencenter und ein Info-Punkt direkt am Bahnhof. Alles modern, alles schick. Dafür gibt es auch Kritik: „Muss denn alles immer so toll aussehen?“, fragen sich viele Euskirchener.

Rainer Klein-Lüpke, Quelle: SVEÖPNV-Verfechter Rainer Klein-LüpkeMager verteidigt das Konzept: „ÖPNV war damals als Thema einfach nicht sexy. Und wir haben dafür gesorgt, dass der Öffentliche Verkehr eben sexy wird.“ Nach anfänglicher Bus-Flaute wendet sich das Blatt. „Die Schüler kamen zuerst“, erinnert sich Mager. Die finden  die neuen, gelb-blauen Stadtbusse schicker als die alten Schulbusse. Es entstehen weitere Haltestellen, die Regionalbuslinien werden in das Stadtbuskonzept integriert, der Takt verringert, das Angebot über die Jahre weiter ausgebaut. An Stellen im Stadtgebiet, an denen die Versorgung mit einer regulären Buslinie schwierig ist, gibt es ein Sammeltaxi.

Schließlich geben auch die Zahlen den Verkehrsplanern recht: Denn die Fahrgastzahlen steigen kontinuierlich von anfangs 500.000 auf mehr als fünf Millionen im Jahr 2009. Diesen Erfolg schreibt Rainer Klein-Lüpke, heutiger Geschäftsführer der SVE, vor allem dem Marketing zu: „Dadurch haben wir eine sehr gute Kundenbindung erreicht.“ Klein-Lüpke hält den Euskirchener Stadtbus an sich für eine „super Geschichte. Und es ist schon erstaunlich, was eine Mittelstadt alles auf die Beine gestellt hat.“

Erfolg wird bestraft

Doch die Euphorie der ersten Erfolge ist ein wenig verblasst, auch weil im vergangenen Jahr die Fahrgastzahlen erstmals leicht zurückgingen. „Wir müssen schon gucken, was wir machen können, um Geld einzusparen“, gibt Klein-Lüpke zu. Denn die Sache hat einen strukturellen Haken: Die SVE ist zu erfolgreich. Bei besonders hohen Fahrgastzahlen erhalten ÖPNV-Betriebe weniger Zuschüsse aus der öffentlichen Hand, und auf diese Zuschüsse ist jedes ÖPNV-Unternehmen in Deutschland angewiesen. „Es gibt so gut wie kein unternehmerisches Interesse im ÖPNV. Wenn Unternehmen gut kalkulieren, dann bekommen sie weniger Zuschüsse“, kritisiert  Andreas Knie, Mobilitätsforscher und Professor am Wissenschaftszentrum Berlin. Verbraucherschützer Lell stimmt in die Kritik mit ein: „Aus Verbrauchersicht ist die jetzige Regelung ein Unding. Es muss ein unternehmerisches Interesse sein, mehr Fahrgäste zu gewinnen und mehr Personen zu befördern.“

Kundin am Infoschalter, Quelle: SVELassen sich unterschiedliche Angebote koordinieren?Für den ÖPNV der Zukunft fordert Knie, den Nahverkehr „vom Kopf auf die Füße zu stellen: Der gesamte ÖPNV muss sich verändern. U-Bahnen, Busse, Straßenbahnen, Mietautos und Leihfahrräder – das alles muss in ein Angebot integriert werden, das dann mit einer Karte genutzt wird.“ Beispiele wie Euskirchen „gehen zumindest in die richtige Richtung“, urteilt Knie. Mehr aber auch nicht.

Annika Franck, WDR.de

  1. 27

    Peter Held 27.05.2011 | 17:44 Uhr

    Die gesamte Aktion Mobilität basiert auf der seit Beginn des Wirtschaftswunders kopfstehenden Verkehrspolitik der alten BRD. Aus Gründen des einheimischen Wirtschaftswachstums wurde die Autoindustrie gefördert und die (...) Entwicklung des Eisenbahnwesens eher künstlich gebremst. Unter dem Aspekt Umwelt und Nachhaltigkeit muss es heute umgekehrt sein. Aber dazu kann sich eine konservativ ausgerichtete Poltik nie entscheiden. Ein Debakel ist für die Zukunft vorprogrammiert.Mehr zeigenWeniger zeigen

  2. 26

    ÖPNV-Fan 27.05.2011 | 10:11 Uhr

    An der Haltestelle stehen und sich darüber beschweren, dass zu wenige Busse fahren, hilft nichts. Ich weiß aus eigener Erfahrung, ein wenig Eigeninitiative kann Wunder wirken: durch einige Anrufe bei Busgesellschaft und (...) Landratsamt (wg. Subvention) wurden nach positiver Fahrgastzählung zusätzliche Busse auf dem Weg zw. Stadt und der Firma auf dem Land eingesetzt. Inzwischen sind auch die zusätzlichen Busse schon wieder gut ausgelastet. Alles eine Frage von AngebotNachfrage (Henne-Ei-Problem).Mehr zeigenWeniger zeigen

  3. 25

    Ein Nutzer 27.05.2011 | 08:39 Uhr

    Das derzeitige Prinzip, wie im Artikel beschrieben ist offensichtlich ungünstig. Aber vielleicht stellen sich bei einer Umstrukturierung für mehr Unternehmerisches Interesse folgende Fragen: Wie wird der Wettbewerb (...) geregelt, damit unternehmerisches Interesse nicht zu Monopolen führt? Man beachte, dass es ja im Normalfall nur einen Verkehrsbertrieb pro Gemeinde gibt, der atomatisch zum Monopolisten würde und dann wohl auch zu unangemessen steigenden Preisen.Mehr zeigenWeniger zeigen

  4. 24

    Gast627235 26.05.2011 | 20:03 Uhr

    an Alf: Die meisten unserer Busfahrerinnen möchte ich gar nicht oben ohne sehen :D

  5. 23

    Alf 26.05.2011 | 15:22 Uhr

    Busfahrerinnen, oben ohne.... HaHa!