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ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Blick aus dem Fenster eines Flugzeugs auf dessen Flügel, Quelle: colourbox.com

Das Flugzeug – ältestes Reise-Verkehrsmittel der Zukunft

Überall wird geforscht und entwickelt, investiert und zum Teil schon gebaut – es geht um innovative Fortbewegungsmittel für Pkw, Bahnen, im Nahverkehr. Nur wenn wir weiter weg wollen, werden wir uns wohl noch länger mit einem schon heute in die Jahre gekommenen Vehikel begnügen müssen, ohne Visionen – mit dem Flugzeug.

Die Frage nach heute denkbaren alternativen Verkehrsmitteln für Fernreisen in 30 oder 40 Jahren beantworten Experten recht bündig: Es gibt keine. Markus Mehlin, Experte für Personenverkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sagt: “Es bleibt wohl beim Flugzeug, visionäre Innovationen sind nicht in Sicht”, um in die USA oder auf die zu Seychellen kommen. Seeschiffe fallen demnach genauso aus wie Luftschiffe, da beide viel zu langsam sind. Lediglich beim Flugzeug-Antrieb könne ein gewisser Anteil von biogenen Kraftstoffen im Kerosin, an denen noch geforscht werde, für wenigstens etwas Innovation sorgen.

Sonnige Träume

Solar Impulse bei ihrem ersten internationalen Flug am 13. Mai 2011, Quelle: picturealliance/dpaDie "Solar Impulse" bei ihrem ersten internationalen Flug am 13. Mai 2011An diesem Befund dürfte auch der erste internationale Flug der “Solar Impulse” nichts ändern. Am Morgen des 13. Mai 2011 vom Militärflugplatz Payerne in der Schweiz gestartet, landete die ausschließlich mit Sonnenenergie betriebene Maschine am Abend desselben Tages in Brüssel. Das von Flugpionier Bertrand Piccard mit entwickelte Flugzeug hat eine Flügelspannweite von 64 Metern, wiegt aber nur 1,6 Tonnen. Seine Tragflächen sind mit 12.000 Solarzellen bestückt, die vier Elektromotoren und einige Batterien speisen.

Von Ingenieur André Borschberg gesteuert, brauchte der Flieger für die rund 650 Kilometer knapp 13 Stunden. Abgesehen davon, dass Windverhältnisse und Wetter mitspielen müssen, ist er mit rund 70 Stundenkilometern also sehr langsam, von der Transportkapazität ganz zu schweigen. Das Team selbst erklärt: “Ein derart langsames Flugzeug in den internationalen Flugverkehr zu integrieren, war eine große Herausforderung.” Auch habe man Monate zuvor mit Luftfahrtbehörden und Spezialisten daran gearbeitet, geeignete Wetterfenster zu finden, denn dem schwachen Flugzeug darf nicht zu viel Wind wehen.

Solar Impulse
Die “Solar Impulse” hatte schon im Sommer 2010 Geschichte geschrieben, als sie als erstes bemanntes Solar-Flugzeug einen Tag und eine Nacht ununterbrochen über der Schweiz flog, insgesamt 26 Stunden. Geplant war ein weiterer Flug von Brüssel nach Paris-Le Bourget, wo der Prototyp die 49. Pariser Luftfahrtschau vom 20. bis zum 26. Juni besuchen sollte.
Piccard selbst scheint an eine große Solar-Zukunft im Luftverkehr nicht zu glauben. Er sieht sein Flugzeug wohl auch dem Namen nach eher als Impuls, denn Piccard geht es darum, Politiker zu einer “ehrgeizigeren Energiepolitik” zu ermutigen. Doch heißt es auf der Webseite des Projekts auch, Pioniere hätten die Grenzen des Machbaren schon immer erweitert, die “Solar Impuls” solle die Bedeutung Erneuerbarer Energien aufzeigen und “Träume und Emotionen wieder ins Zentrum des wissenschaftlichen Abenteuers stellen”.

Wachstumsbranche Flugverkehr

Doch zurück zur Realität: David Metz, Verkehrsexperte vom University College in London stellte einem Diskussionspapier zum Weltverkehrsforum, das Ende Mai in Leipzig stattfand, folgende Zusammenfassung voran: “Der Luftverkehr wächst, Flugreisen sind fünf bis zehn Mal schneller als Reisen über Land, was die Möglichkeit eröffnet, weiter entfernte Ziele zu erreichen. Urlaubsreisen dominieren, jeder Brite etwa fliegt im Durchschnitt einmal pro Jahr in den Urlaub, zu Familie und Freunden. Der Markt scheint noch längst nicht gesättigt.”

Tatsächlich fliegen die meisten Menschen nicht im Alltag, sondern in den Urlaub. Machten die Deutschen 1979 nur zehn Prozent aller Urlaubsreisen mit dem Flugzeug, lag dieser Anteil schon Anfang des Jahrtausends bei 30 Prozent. Der Anteil von Pkw-Reisen sinkt stetig, genauso wie der von Urlaubsreisen mit der Bahn. Und das Statistische Bundesamt meldete für 2010 auf den 26 größten deutschen Flughäfen mit 167 Millionen Passagieren mal wieder einen Rekord – trotz Vulkanasche aus Island und harter Winter.

Eine Prognose für das Bundesverkehrsministerium sieht 2025 die Zahl der von, nach oder über Deutschland fliegenden Menschen bei 222 Millionen. Dass wissenschaftliche Gutachten von 2007 rechnet mit dem stärksten Wachstum im Luftverkehr. Gründe seien der anhaltende Trend zu Fernreisen im Urlaub, eine weitere internationale Verflechtung der Wirtschaft, besonders aber Verwandten- und Bekanntenbesuche, vor allem von Ein- und Auswanderern.

Lebenslinien in der Luft

Luftfracht wird im Flughafen Frankfurt am Main mit einer riesigen Hebebühne zu einem Flugzeug gebracht, Quelle: picturealliance/dpaLuftfracht wird im Flughafen Frankfurt am Main mit einer riesigen Hebebühne zu einem Flugzeug gebrachtDas Flugzeug erfüllt eine weitere wichtige Rolle: Anders als Deutschland haben große Länder wie China, Russland, die USA oder auch Kanada viele entfernt liegende Gebiete, die mit anderen Verkehrsmitteln kaum oder nur schwer zu erreichen sind. Das gleiche gilt für Staaten, die aus vielen Inseln bestehen. Die “Bedeutung des Lufttransports in entfernte Regionen” beschrieb etwa Svein Bråthen von der Universtät Molde in Norwegen, ebenfalls beim Leipziger Weltverkehrsforum: Er sprach hier von “Lifeline Transport Services”, für Personen, aber vor allem für oft lebenswichtige Güter, dessen hohe Kosten meist nur mit staatlichen Subventionen gedeckt werden können.

Dazu kommt der allgemeine Luftfrachtverkehr, dem die bereits genannte Prognose für Deutschland zwischen 2004 und 2025 eine Zunahme um 155 Prozent vorhersagt – vor allem im interkontinentalen Frachtverkehr. Im innerdeutschen und im Europaverkehr wurde indes erwartet, dass der Transport auf Straßen und Schienen sich deutlich verbessern und die Grenzübergangszeiten sich durch politische Entwicklungen weiter verringern werden.

Das Umweltproblem

Ab 2012 müssen alle Fluggesellschaften, die in Europa starten und landen, ihren Kohlendioxidausstoß durch Emissionsrechte decken. Als erste Fluggesellschaft beteiligt sich seit Mitte April dieses Jahres die Deutsche Lufthansa am Handel mit CO2-Zertifikaten an der Leipziger Energiebörse EEX. Das mag einleuchten, denn Flugzeuge verbrauchen große Mengen fossilen Brennstoffs – also Kerosin, das aus Erdöl hergestellt wird.

Wer aber behauptet, der Flugverkehr sei darum besonders umweltschädlich, dem sei zu einer differenzierteren Betrachtung geraten: Die Prognose bis 2025 sieht unter Einrechnung erwartbarer Verbesserungen bei Auslastung und Effizienz die Kohlendioxid-Emissionen des Luftverkehrs nach der für das Kyoto-Monitoring verwendeten Definition um rund 56 Prozent steigen – auf ein Zwanzigstel des für 2025 prognostizierten Ausstoßes im Straßenverkehr.

Rohölpreis kontra Fernreise?

Bleibt das Erdöl, das Grundstoff auch im Flugverkehr ist. Knappheitserwartungen, vor allem durch politische Risiken, treiben seinen Preis immer wieder in die Höhe. Zusammen mit Emissionsrechten könnten Flugreisen sich derart verteuern, dass Otto-Normal-Urlauber darauf in schlechten Zeiten verzichten muss. Allerdings haben gestiegene Kerosinpreise bisher zwar die Gewinne der Fluglinien gerschmälert, am Reiseverhalten allgemein aber bisher kaum etwas verändert, was die Experten auch für die Zukunft nicht erwarten. Noch einmal Metz, der mit steigenden Einkommen rechnet und sinngemäß sagt: Wir werden nicht weniger Urlaub machen und nicht weniger fliegen, dafür aber mehr bezahlen und dies auch können.

Von Rohöl-Knappheiten, die dem Flugzeug demnächst den Garaus machen könnten, gehen übrigens bis 2040 kaum Experten aus. Sollten sie Recht behalten, wäre es möglich, dass zwar Autos dann mit einem Gemisch aus Luft und Liebe fahren, die Bahn brutal billig ist, da sie mit der Energie heutiger ICE-Klimaanlagen auskommt, mit Kerosin angetriebenen Flugzeuge aber weiter ihre Kreise am Himmel ziehen, vom Prinzip her alt – aber unverzichtbar.

Kristian Schulze, MDR.de

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