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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Tagesthemen-Moderatorin Susanne Holst verliest die Nachrichten (Foto: dpa)

Mobilität als Lebensprinzip

Susanne Holst wohnt heute in Hamburg, sie machte aber auch immer wieder längere Urlaube auf Hawaii, ihr Ehemann ist viel unterwegs und manchmal zum Familienfrühstück per Computer zugeschaltet. Die Journalistin und Tagesthemen-Moderatorin ist in diesem Jahr Patin der ARD-Themenwoche und genießt es, mobil zu sein. Im Interview spricht sie über die Bedeutung von Flexibilität für ihr eigenes Leben und erzählt, wie sie mit den Schattenseiten der Mobilität umgeht.

Frau Holst, was bedeutet Mobilität für Sie?

Susanne Holst: Mobilität bedeutet für mich Flexibilität, insbesondere geistige. Auch mal Umwege in Erwägung ziehen, nicht immer den eingefahrenen Pfad zu gehen. Flexibilität bedeutet für mich ein Gewinn an Eindrücken, Kontakten, ich kann schnell Informationen bekommen, Freunde kontaktieren, viel erleben. Und das finde ich natürlich ganz besonders gut. Gleichzeitig bedeutet Mobilität für mich auch ein gewisser Verlust an Muße-Fähigkeit. Und eine Herausforderung, mich immer im Auge behalten zu müssen.

Warum die Themenwoche so gut zu Susanne Holst passt

Sie haben mehrere Orte, an denen Sie und Ihre Familie leben: Hamburg, Heidelberg, Australien, Hawaii – wie genau sieht Ihr Alltag aus?

Holst: Viele Jahre lang lebte ich mit meinem Mann in Heidelberg und in Hamburg hatten wir nur eine kleine Dependance. Auf Hawaii hatten wir unseren zweiten Wohnsitz, und da konnten wir die Winter verbringen und waren dort immer für zwei bis zweieinhalb Monate. Als Freiberufler kann man sich ja diese Zeit schaffen. Das haben wir mit den Kindern noch eine Zeit lang aufrecht erhalten können, aber jetzt geht das nicht mehr, denn Schule ist der Mobilitätskiller überhaupt. Ich lebe jetzt mit den Kindern in Hamburg, und mein Mann reist als Psychologe und Psychotherapeut viel in der Weltgeschichte herum.

Und manchmal ist Ihr Mann per Computer zum Frühstück zugeschaltet. Für viele Menschen eine befremdliche Form des Familienlebens…

Holst: Für Außenstehende mag das bizarr erscheinen: Da steht das Müsli auf dem Tisch und da hinten ist der Papa auf dem Bildschirm zu sehen. Für uns ist das ein Stück weit normal, es ist wie telefonieren.

Hamburger HafenHeimathafen Hamburg

Wie sehr prägen Internet und Facebook Ihr Leben?

Holst: Ich gehöre tatsächlich zu den Leuten, die nervös werden, wenn ich keinen Internet-Anschluss habe, weil ich das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Das ist ein ganz klassisches Phänomen, das sich mit übersteigerter Mobilität ergibt. Das finde ich bedenklich, aber es ist eben etwas, das meinen Alltag sehr prägt. Ich suche Informationen, ich schreibe E-Mails, recherchiere, buche Dinge, bis dahin, dass ich schaue: Welches Kleid möchte ich mir denn vielleicht mal bestellen? Facebook allerdings finde ich furchtbar. Das ist für mich nichts, ich treffe mich lieber richtig mit Leuten.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Holst: Heimat war ganz früh schon ein Thema. Heimat war das, was ich vermisste, als ich als Austauschschülerin in Amerika war. Im zarten Alter von 16 habe ich mir von Florida aus viele Gedanken über mein Zuhause und meine Heimat gemacht. Aus der Distanz heraus habe ich dann viele Dinge auch noch mal neu bewertet und auch bei meiner Rückkehr anders wahrgenommen. Dann kam eine Sturm- und Drangphase, wo ich gedacht habe: „Prima, hier, da dort, ist mir ganz egal, ich kann überall sein.“ Und jetzt, seitdem die Kinder da sind, merke ich, dass es sehr schön ist, wieder an einem Ort zu sein, der mir vertraut ist. Denn ich bin tatsächlich wieder dorthin gezogen, wo ich zur Schule gegangen bin, wo meine Schwiegermutter in der Nähe wohnt, meine Schwester um die Ecke, wo ich auch einfach Heimatgefühle habe. Und das tut mir sehr gut.

Wie Susanne Holst Muße und Ruhe in ihren Alltag bringt

Mobilität kann auch andere Schattenseiten haben, wenn man beispielsweise an den CO2-Footprint denkt, also die Menge an Treibhausgasen, die eine Person mit ihrem Verhalten produziert. Wie gehen Sie damit um?

Holst: Ich überlege mir schon, welche Wege wir wie machen. Vor einiger Zeit – das darf man eigentlich gar nicht sagen – sind die Kinder mal fürs Wochenende nach Mallorca geflogen, weil der Papa da gerade arbeitet. Das finde ich dann schon schwierig. Das war das erste und hoffentlich auch das letzt Mal.

Susanne Holst liest Zeitung am SchreibtischMobilität förderte Holsts Karriere

Wie wichtig war Mobilität für Sie, um da hin zu kommen, wo Sie heute sind?

Holst: Sehr wichtig. Die Flexibilität war sicherlich ganz ausschlaggebend. Einerseits die Bereitschaft, sich für ganz unterschiedliche Themen zu begeistern und sich darauf einzulassen. Genau so wichtig aber war, ortsungebunden zu sein. Ich hätte viele Aufträge als Freiberuflerin  bestimmt nicht bekommen, wenn ich nicht gesagt hätte: „OK, ich nehme den Weg auf mich.“

Das Interview führte Annika Franck, WDR.de

  1. 2

    Friedrich Kehl 11.05.2011 | 17:10 Uhr

    Eine Frau die mitten im Leben steht, sehr gut rüberkommt, kompetent und autentisch ist, alles in Allem gut.

  2. 1

    Georg Reyher 11.05.2011 | 14:55 Uhr

    Wenn man in unserer Gesellschaft Karriere machen will, bleibt die Umwelt halt auf der Strecke und mit dem Geld, dass man dabei verdient nochmal. - siehe Extremflugreisen!! Was erzählt Frau Holst- die ich persönlich (...) aufgrund ihrer Arbeit schätze- eigentlich ihren Kindern zu Umweltthemen? Dasselbe wie damals viele Eltern ihren Kindern nach dem Dritten Reich erzählten? Da mußte man halt mitmachen um voranzukommen? Und die Kinder haben vom verdienten Geld ja auch etwas, Studium im Ausland u. ä.Mehr zeigenWeniger zeigen