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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Verkäufer eines rollenden Supermarktes in seinem Verkaufswagen. Quelle: privat

Wenn der Supermarkt bis vor die Haustür kommt

Wenn Menschen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt mobil sind, müssen sie von anderen versorgt werden, von mobilen Dienstleistern. Rund 2000 Lebensmittelhändler, Banker und Bibliothekare sind bundesweit unterwegs – nicht nur auf dem Land, sondern auch am Rande von Großstädten. Vor allem die Branche der rollenden Supermärkte gilt als Wachstumsmarkt.

Über zu wenig Kunden kann sich Reinhard Steinkamp nicht beklagen. Seine Stammkunden beziffert er auf gut 30.000 in rund 2000 Orten. Sein Unternehmen beliefert sie mit etwa 400 Artikeln. Mit Brot und Butter, Wurst, Milch und Mehl, mit Obst und Gemüse, aber auch mit Grablichtern und Stiefmütterchen. Denn Reinhard Steinkamp hat eine Flotte von rollenden Supermärkten. Mit 63 mobilen Märkten und 160 Mitarbeitern, die in Deutschland, Luxemburg und Belgien unterwegs sind, ist Steinkamps Firma der Riese seiner Branche.

Eine Million “Kundenkontakte” pro Woche

Etwa 1800 Lebensmittelhändler mit sogenanntem Vollsortiment sind in der Bundesrepublik mitsamt ihrer Läden unterwegs. Das Warenangebot reicht von etwa 300 bis 2000 Artikel. Manche Händler bieten ihre Waren in begehbaren 7,5-Tonnern mit Kühltheke an, andere klappen ihre Fahrzeuge wie eine Currywurstbude auf, wenn sie im Dorf an ihrer Haltestelle angekommen sind. Verkäufer eines rollenden Supermarktes in seinem Verkaufswagen. Quelle: privatDie Branche gilt als WachstumsmarktRund eine Million “Kundenkontakte” pro Woche verzeichnet der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Und in der Branche, heißt es im Verband, sei “Dynamik drin”. Die mobilen Händler sind in einem eigenen Fachverband organisiert. Hans-Heinrich Lemke ist der Vorsitzende des “Fachverband Mobile Verkaufsstellen”, dem 350 Firmen angehören. Unter den Gemischtwarenhändlern auf Rädern seien “viele Einzelkämpfer”, sagt Lemke, die jeden Tag bis zu 14 Stunden schufteten, um ihren Ein-Mann-Betrieb am Leben zu erhalten. Insgesamt aber professionalisiere sich die Branche – die Firmen würden durch Fusionen und Übernahmen größer.

Discounter für viele unerreichbar

Die Branche gilt als Wachstumsmarkt, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten Discounter wie Pilze aus dem Boden schossen und Tante-Emma-Läden im Wettbewerb nicht bestehen konnten. Grund dafür sei der demographische Wandel, sagt Christian Mieles, Geschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels. Die Zahl kleinerer Supermärkte, oft in größeren Dörfern oder an Stadträndern angesiedelt, sinkt kontinuierlich. Von 2005 bis 2010 sind bundesweit von gut 11.000 Märkten mit unter 400 Quadratmetern Verkaufsfläche noch gut 7.000 geblieben. Aber auch die Zahl der größeren und großen Märkte nimmt stetig ab, die der Discounter und Verbrauchermärkte steigt. Am Rand von Städten angesiedelt, sind sie für viele Menschen nicht erreichbar. Vor allem auf dem Land sind Alte, Kranke und Behinderte von der Versorgung regelrecht abgeschnitten. Immobile Menschen sind daher die Stammkunden der mobilen Supermärkte. Der Altersdurchschnitt liegt bei rund 75 Jahren. Und die Kundschaft will mehr als Brot und Butter: reden, sie will beraten werden und Hilfe bekommen, wenn die Kartoffeln in den Keller getragen werden müssen. “Die soziale Funktion ist nicht zu unterschätzen”, sagt Mieles. Deshalb eigne sich nicht jeder Einzelhandelskaufmann für einen rollenden Supermarkt: Der Job ist hart. Wer ihn ausübt, ist Filialleiter, Fahrer und Sozialarbeiter zugleich. Frauen in dieser Funktion sind selten.

Versorgung in großstädtischen Randgebieten

Noch steuert der größte Teil der rollenden Supermärkte kleine und Kleinstdörfer an. Doch laut Mieles erobern die mobilen Lebensmittelhändler nach und nach auch die Randgebiete von großen Städten. Ein mobiler Händler steht mit einer Kundin in seinem Markt. Quelle: dpaDie Verkäufer sind Filialleiter, Fahrer und Sozialarbeiter zugleich. Die Unternehmen werden von Verantwortlichen in den Rathäusern gebeten, ihre Touren zu erweitern. Steinkamp, dessen Wagen vor allem in der Eifel unterwegs sind, fährt inzwischen mehrere Stadtteile in Köln, Bonn und Koblenz an. „Die Politik vergisst diese Kunden“, sagt er. “Sie sind alt, sie sind nicht mehr mobil, aber sie sind sehr qualitätsbewusst”. Und meist sind sie solvent. So hat sich Steinkamp auf regionale Produkte spezialisiert, auf Obst und Gemüse aus integriertem Anbau sowie auf Milchprodukte aus der Region. Die Händler passen nicht nur ihr Sortiment schnell ihrer Kundschaft an – generell ist ihre Flexibilität ihr größter Vorteil. Sobald ein Laden schließt, können die mobilen Händler ihre Tour ausdehnen; sobald ein neuer Discounter öffnet, können sie ihre Tour umleiten.

Subventionierte Dorfläden ein Dorn im Auge

Trotz rosiger Zukunftsaussichten – die Branche hat auch Sorgen. Ihren Interessenvertretungen sind mit öffentlichen Mitteln geförderte Dorfläden ein Dorn im Auge. “Die meisten Dorfläden werden durch Subventionen künstlich am Leben gehalten”, sagt Fachverbandschef Lemke. Die Folge: Obwohl die Versorgung mit den rollenden Märkten oft jahrelang gut funktioniert habe, die Händler sich außerordentlich intensiv um ihre Kunden kümmerten, würden sie quasi einfach abbestellt. Die mobilen Händler müssten ihre Routen anpassen und sich neue Kunden suchen. Meist hielten sich die Dorfläden aber nur kurze Zeit, dann würden die Händler wieder angefordert, die ihre neuen Käufer aber nicht im Stich lassen wollten, berichtet Mieles. “Auch wenn ein guter Gedanke hinter einem Dorfladen steckt, den mobilen Händlern, die ohne irgendeine Hilfe am Markt kämpfen müssen, macht er Schwierigkeiten.” Ein anderes Problem bringt die Professionalisierung der Branche mit sich: Nach einer EU-Regelung müssen die mobilen Händler, deren Touren einen Radius von 50 Kilometern überschreiten, Lenk- und Ruhezeiten einhalten und protokollieren. Der Verband setzt sich dafür ein, den Wirkungskreis ohne bürokratischen Mehraufwand von 50 auf 150 Kilometer auszudehnen.

Rollende Banken

Aber nicht nur Supermärkte sind mobil. Bundesweit, schätzt man, sind auch rund 50 Bankfilialen unterwegs, die Kleinstzweigstellen ersetzen. Menschen stehen in einer mobilen Bankfiliale. Quelle: privatDiese moderne mobile Bank rollt durch Nordhessen. Diese Banken steuern Dörfer an und betreuen zu festen Zeiten vor allem ältere Kunden, für die Online-Banking nicht in Frage kommt. Jochen Schnuck geht davon aus, dass die Zahl der mobilen Bankfilialen steigen wird. Seine Firma mit Sitz in Verden bei Bremen hat sich auf den Bau “mobiler Filialen für Finanzdienstleister” spezialisiert. “Vor fünf Jahren wurde das Thema neu erfunden”, sagt der Ingenieur. “Heutzutage sitzt da niemand mehr hinter Panzerglas. Die mobilen Filialen sehen aus wie eine kleine moderne Bank.” Auch er geht davon aus, dass der demographische Wandel seiner Firma in Zukunft immer mehr Aufträge verschafft. “In den Regionen, wo sich Banken aus der Fläche zurückziehen, vor allem auf dem Land, gehen ihnen viele Kunden verloren.”

Fahrende Bibliotheken

Weniger alten Menschen, als Kindern und Jugendlichen kommen fahrende Bibliotheken buchstäblich entgegen. Etwa 100 sind in Deutschland unterwegs. Einige touren durch großstädtische Ranzbezirke, die meisten aber ebenfalls durch den ländlichen Raum. Vor wenigen Jahren, sagt Johannes von Freymann von der Fahrbücherei Celle, sei die Zahl der mobilen Büchereien noch deutlich höher gewesen. Der Schwund sei aber nicht etwa auf weniger Kunden zurückzuführen. Im Gegenteil, so von Freymann, die Ausleihzahlen seien meist exorbitant gut. Aber die Kommunen hätten mittlerweile so wenig Geld, dass die Ausgaben für Fahrbusse gekürzt oder ganz eingespart würden.

Silke Hellwig, Radio Bremen

  1. 7

    Stephan Janni 26.05.2011 | 20:31 Uhr

    Finde Ich eine gute Sache mann sollte es aber mehr bekannt machen, und denn Leuten auch sagen das es Umweltfreundlicher und günstiger ist als mit dem eigenen Auto zum Supermarkt zu fahren. So ein Verkaufsfahrzeug kann am (...) Tag 100 Kunden beliefern, wenn mehr Leute hingehen würden wären es sogar noch mehr!Mehr zeigenWeniger zeigen

  2. 6

    Olli 20.05.2011 | 14:38 Uhr

    ...Nicht nachvollziehbar, zumal bei uns hier im Osten Busse "gesponsert" werden, um die älteren Leute in die Großstadt zu fahren. Ist es imRollenden Supermarkt, vor der eigenen Haustür und in Hausschuhen nicht wesentlich (...) besser? Die Führungsspitze unseres Landes sollte sich mal einen Tag mit auf den Weg machen! P.S. Schönes Filmchen vom Herrn Salewski, thats Life!Mehr zeigenWeniger zeigen

  3. 5

    Olli 20.05.2011 | 13:58 Uhr

    Zum Thema subventionierte Tante Emma Läden kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass man es trotz größer Einwoherzahl in seiner Gemeinde nicht einfach hat, wenn der Discounter nicht weit entfernt seine Dienste anbietet. (...) Ein großer Teil der potentiellen Kunden wandert oder fährt dort hin. Der rollende Supermarkt ist dann für die "Fußkranken" der rettende Anker. Viele Gemeinden meinen dann aber, den Händler, mit dem großen schönen Auto, gleich erst einmal zur Kasse bitten zu müssen.Mehr zeigenWeniger zeigen

  4. 4

    Karin Steffan 20.05.2011 | 09:28 Uhr

    Mobile Supermärkte und Bibliotheken sind ein sinnvolles Angebot und Ergänzung und der Bedarf wird steigen. Ich kenne solche Angebote schon seit Jahrzehnten von meinen Reisen nach Frankreich. Dort gibt es den mobilen (...) Bäcker und den mobilen "Tante Emma-Laden" schon sehr lange. Wichtig sind solche Einkaufsmöglichkeiten auch für die sozialen Kontakte und als " Informationsbörse" und das nicht nur für ältere Menschen ab 75 Jahre.Mehr zeigenWeniger zeigen

  5. 3

    Busch 19.05.2011 | 12:34 Uhr

    Dieses Thema ist interessant; wir legen großen Wert darauf, daß der rollende Supermarkt immer kommt. Denn unser Dorfladen bittet uns Bürger sehr oft um eine Spende, damit er überleben kann.