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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Mann steckt Ladestecker an ein Elektroauto, Quelle: picturealliance/dpa

Wann beginnt das Zeitalter der eAutos?

Autos mit alternativen Antrieben gehört die Zukunft. Aber wann fängt sie an? Bislang ist die Zahl der Elektro- und Wasserstoffautos auf deutschen Straßen minimal. Die Bundesregierung will 2020 eine Million solcher Autos auf deutschen Straßen sehen. Ist das realistisch?

Die Welt hätte man rein rechnerisch vier Mal umrunden können. Aber die 160.000 Kilometer wurden in wenigen Monaten einzig und allein in der Region um Bremen und Oldenburg zurück gelegt. Das klingt nicht sonderlich spektakulär, ist es aber: Denn genutzt wurden dafür ausschließlich Elektrofahrzeuge mit Batterien. Rund 250 Personen saßen regelmäßig hinter dem Steuer und sammelten Erfahrungen mit den Stromern. An diesem Wissen sollen andere teilhaben: Die Fahrtests werden in der Modellregion zur Elektromobilität Bremen/Oldenburg absolviert  – eine von acht Regionen, die das Bundesverkehrsministerium aus dem Konjunkturförderprogramm mitfinanziert. Das Projekt Bremen/Oldenburg wird vom Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM) und vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, beide mit Sitz in Bremen, koordiniert und geleitet. “Wir sammeln hier ganz handfeste Erfahrungen mit den Autos, so wie sie momentan auf dem Markt sind”, sagt IFAM-Projektleiter Gerald Rausch. Etwa 100 Fahrzeuge – vom Elektroroller bis zum Hybrid-Bus – sind in der Modellregion unterwegs. Zu den Testfahrern gehören Angestellte mit E-Firmenwagen, aber auch Privatleute. So hat das IFAM elf norwegische E-Autos Fahrgemeinschaften zum Testen überlassen. Das nennt sich “e-Car4all” und soll laut Rausch vor allem dazu dienen, die Eignung im Pendlerverkehr zu prüfen.

Anteil an E-Autos im Promillebereich

Schriftzug "Ich fahre elektrisch" auf einem ElektroautoIm Projekt "e-Car4all" werden Elektroautos von Pendlern getestet.Rund 100 neue Elektrofahrzeuge in der Region Bremen und Oldenburg – das tut der Statistik gut. Denn der Anteil der E-Autos auf deutschen Straßen liegt im Promillebereich. Unter den 42,3 Millionen Pkw zählte das Kraftfahrt-Bundesamt im Januar dieses Jahres 2300 Elektro-Autos. Das soll sich nach dem Willen der Bundesregierung geradezu dramatisch verändern. Deutschland soll “Leitmarkt für Elektromobilität“ werden. Mindestens eine Million E-Autos sollen im Jahr 2020 angemeldet sein. “Das ist völlig unrealistisch”, sagt Stefan Bratzel, Leiter des “Center of Automotive” an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. “Jedenfalls ohne staatliche Förderung.” Denn die Preisdifferenz zu herkömmlichen Autos ist noch enorm. Ein Benziner vergleichbarer Größe kostet rund 10.000 Euro weniger. In anderen Ländern wie Dänemark; Spanien und Frankreich werden sogenannte early adopters – frühzeitige Anwender – mit stattlichen Prämien für den Kauf von Stromern belohnt.

“Geld verdienen kann man noch nicht”

Auch die begrenzte Reichweite steht der Massentauglichkeit noch im Wege. Rund 150 Kilometer können Batteriemobile derzeit etwa zurücklegen. Zwar können Stromer im Prinzip an jeder einfachen Steckdose wieder aufgeladen werden, aber das dauert. Im Winter, wenn aus der Batterie auch Heizung, Licht und Scheibenwischer gespeist werden, sinkt die Reichweite obendrein deutlich ab. Dennoch sind die ersten reinen E-Auto-Serien mittlerweile auf dem Markt. In Japan ging das erste Modell bereits 2009 in Großserienproduktion. Die Franzosen werden im kommenden Jahr nachziehen. Die ersten deutschen Elektroautos in Großserie werden erst 2013 erwartet. “Momentan müssen Elektroautos noch durch den Verkauf konventioneller Modelle finanziert werden”, sagt Bratzel. “Geld verdienen kann man damit noch nicht.“ Es gehe auch nicht darum, dass vor allem deutsche Elektroautos auf den deutschen Straßen unterwegs seien. Es gehe um Wachstumsmärkte wie China – wenn Deutschland technologisch nicht zur Spitze aufschließe, könnten die deutschen Autobauer auf dem globalisierten Automarkt nicht mehr mithalten. Eckhard Rotter, Sprecher des Verbands der Automobilindustrie, macht sich darüber keine Sorgen: Rund elf Milliarden Euro investierten die deutschen Hersteller in den nächsten drei bis vier Jahren allein in die Weiterentwicklung von alternativen Antrieben. “Wir machen unsere Hausaufgaben.” Schnellschüsse oder “Minimalfahrzeuge” seien nicht das erklärte Ziel der deuschen Automobilbauer. “Wie haben einen hohen Anspruch an Qualität – dazu gehört auch das Design, vor allem die Sicherheit. Da machen wir keine Abstriche.”

Hohe staatliche Förderung in China

Bislang sieht auch Willi Dietz keinen unaufholbaren Rückstand für die deutsche Automobilbranche. Laut Dietz, Direktor am Institut für Automobilwirtschaft, gibt es bislang noch keine richtigen E-Autos in Großserie. Vielmehr handele es sich um bestehende Modelle, deren Motor durch eine Batterie ersetzt werde.Elektroauto mit einem Stecker-EmblemZur Zeit sind lediglich 2300 Elektro-Autos auf den Straßen unterwegs. Großserien mit neuen Karosserien in Leichtbauweise beispielsweise seien noch nicht in Sicht. Allerdings habe man auch auf der “Shanghai Auto Show” Ende April deutlich wahrnehmen können, dass die chinesischen Hersteller sehr stark in den Markt neuer Antriebstechnologien drängten, sagt Dietz. Unabhängig von westlichen Entwicklungen entwickelten Ingenieure dort mit hoher staatlicher Förderung eigene Technologien. Deutsche Hersteller müssten zusehen, den Anschluss nicht zu verpassen; womöglich auch, indem sie “Kapazitäten nach Asien verlegen, wo es gute Ingenieure und hohe staatliche Förderung gibt”. Angesichts der hohen Staatsverschuldung könne die deutsche Regierung nicht einfach mitziehen und Millionen für die Forschungsförderung ausschütten, sagt Dietz. Aber: “Wir hier leiden unter dem Föderalismus. Jeder macht ein bisschen was.” In Deutschland und in Europa würden viele Forschungen ein bisschen gefördert, statt das Geld gezielt und konzentriert auszugeben.

Zu denen, die etwas machen, gehören die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft. Das Bremer Institut  ist eines von 30, das sich an einem großen gemeinsamen Projekt mit dem Titel “Fraunhofer Systemforschung Elektromobilität” beteiligt. Hauptkoordinator ist Holger Hanselka. Auch er lässt auf den Standort Deutschland nichts kommen: Nirgendwo sonst seien Universitäten, Forschungseinrichtungen und die Industrie so gut vernetzt. Ein großer Vorteil, “denn es zeigt sich mehr und mehr, dass Elektromobilität ein komplexes Themengebiet ist, welches interdisziplinäre Entwicklung erfordert”.

Weltumrundung in Wasserstoffzellenautos

Zu den E-Autos gehören aber auch Wagen, die elektrische Energie nicht aus Batterien ziehen, sondern aus Brennstoffzellen. Die Zellen erzeugen Strom aus Sauerstoff und Wasserstoff – aus chemischer wird elektrische Energie. In drei solcher Wasserstoffautos haben die Fahrer des “F-Cell World Drives” jüngst tatsächlich die Welt umrundet. Ziel der Fahrt war es, die Langstrecken- und Alltagstauglichkeit dieser Antriebstechnik zu überprüfen. Denn: Reichweitenprobleme haben Wasserstoffautos nicht. 400 bis 600 Kilometer legen die Wagen mit dem Strom zurück. Sind E-Autos mit Batterien also nur eine Art Übergangsmodelle und Wasserstoffautos die wahren Zukunftsmodelle? “Das wird die Zeit entscheiden”, sagt der Bremer Projektleiter Rausch. “Die Welt der Fahrzeuge wird bunter, und das ist auch gut so.” Denn auch die Brennstoffzellenfahrzeuge haben einen großen Nachteil: die Infrastruktur. Wasserstofftanksäulen gibt es momentan gerade mal knapp drei Dutzend – bundesweit. Geschätzt wird, dass fast zwei Milliarden Euro investiert werden müssen, um die Bundesrepublik mit einem Netz von 1000 Tankstellen zu überziehen. Nicht von ungefähr, so Rotter vom VdA, setzte die deutsche Automobilindustrie auf eine “Fächerstrategie”: auf immer effizientere und damit umweltschonende Verbrenner, auf Hybride und auf reine Elektro- sowie auf Wasserstoffautos.

Batterieautos als Cityflitzer

Für kleine Cityflitzer sind Reichweiten wie die von Wasserstoffautos nicht unbedingt nötig. So vermutet Gerald Rausch vom IFAM in Bremen, dass sich Elektroautos mit Batterien bald in Großstädten durchsetzen werden – für den Weg zur Arbeit, für den Transport von Kindern zum Ballett und Lebensmitteln vom Supermarkt in den Kühlschrank zu Hause. Für die Wege, die auch die E-Auto-Tester für die Studie “e-car4all” zurücklegten. Große Überraschungen habe es in der Studie bislang nicht gegeben. Grundsätzlich seien alle Testfahrer durchweg positiv eingenommen von ihren leisen Flitzern. Allerdings repräsentieren sie nicht den Bevölkerungsdurchschnitt, sondern haben sich für die Teilnahme beworben. Und das bedeute, sagt Rausch: “Sie verzeihen die Nachteile auch schneller.”

Silke Hellwig, Radio Bremen

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