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Der mobile Mensch. ARD-Themenwoche 2011 vom 22. bis 27. Mai

ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Menschen und die Wagen der U-Bahn spiegeln sich in München an der Decke der U-Bahn-Station "Münchner Freiheit"

S-Bahn fahren, iPhone surfen, Freiheit spüren

Das Auto ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Jedenfalls junge Großstädter sehen das so. Sie büffeln für den Führerschein und üben rückwärts Einparken, um dann doch mit Bus oder Bahn zu fahren. Der einstige Kult um die Karre ist tot. Frei, unabhängig und erwachsen sein, geht heute anders.

Diese Sehnsucht nach Flucht tragen Heranwachsende immer noch in sich. Sie wollen ihrer jahrelangen Abhängigkeit von Mutter, Vater und Geschwistern entkommen, gedanklich trägt sie der Führerschein weit hinaus aus dem Elternhaus. Drei Viertel der Teilnehmer einer “Timescout”-Studie im Alter von 20 bis 29 Jahren bestätigen das. Sie alle besitzen eine Fahrerlaubnis – fahren aber immer weniger, Männer ebenso wie Frauen. Neu ist auch: Dieser Wunsch nach Selbstständigkeit wird nicht mehr zwangsläufig mit einem fahrbaren Untersatz verknüpft.

Schlicht unnötig

An den steigenden Spritpreisen lässt sich das kaum festmachen. Auch der Gedanke an die Umwelt spielt für die jungen Städter keine große Rolle. Nur ein Drittel betont in der Studie sein grünes Gewissen. Vielmehr halten es die Befragten schlicht für unnötig, mit einem eigenen Wagen in Hamburg, Dresden oder Köln herumzufahren: “In der Stadt braucht man kein Auto”, kreuzten vier von fünf Teilnehmern an.

“Auto ist unflexibel, kostet Zeit und Nerven”

“Damit wäre ich in der Großstadt nur langsam und unflexibel. Das kostet Zeit und nervt”, begründet es die Münchnerin Clara Steffens (28). “Vieles geht mit der S-Bahn, den Rest mache ich mit dem Fahrrad. Damit kann ich Abkürzungen nehmen und habe immer einen Parkplatz vor der Tür. Und mir ist auch die Fitness sehr wichtig.” Einen neuen Wagen besitzen nur mehr die allerwenigsten Stadtmenschen unter 30 Jahren. Lag die Quote Ende der 1990er-Jahre noch bei 17 Prozent, hat sich dies zwanzig Jahre später auf sieben Prozent verringert.

Bedeutungswandel und Prestigeverlust

“Die Freiheit, ohne Auto leben zu können, gewinnt heute an Wert”, bestätigt Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Das Bedürfnis nach individueller Mobilität bleibe hoch – die Abhängigkeit vom Auto aber schwinde stetig. Auch weil der öffentliche Nahverkehr und Radwege immer besser ausgebaut werden. Gleichzeitig sind die Straßen in den großen Städten verstopft, die Emission hoch, Parkplätze permanent belegt. Da bleibt der Spaß hinterm Steuer auf der Strecke.

Ein iPhone fürs Image

In Deutschland und weiten Teilen Europas erfährt das Automobil einen dramatischen Prestigeverlust – vor allem bei jungen Menschen, weiß Lottsiepen: “Das iPhone und dessen kompetente Nutzung sind imageprägender als das Auto auf dem Parkplatz.” Junge Städter geben ihr Geld lieber für Kleidung, Accessoires, Kosmetik und Körperpflege aus. Auch Getränke, Weggehen und Reisen werden als vergleichsweise wichtiger eingestuft.

Stattauto statt Stadtauto

Gleichzeitig sind die Angebote besser geworden, ohne eigenes Auto mobil zu sein. In der Stadt wird geleast, gemietet und geteilt. Wenn sie spontan ein Auto benötigen, beteiligen sich junge Erwachsene an boomenden Alternativkonzepten wie Carsharing, Car2go, Mitfahrzentrale oder Stattauto. Das hat den Vorteil, dass je nach Nutzungszweck das geeignete Auto bereitsteht. Im engen München nutzt der eine für seinen Besuch im Möbelhaus den elektrisch betriebenen Kleinwagen, während der junge Familienvater für den Wochenendausflug den Diesel-Van bucht. Ein Auto ist heutzutage mehr Taxi als Status – und es ­hat einen öffentlichen Charakter angenommen.

Der fremde Smart von Straßenrand

In Ulm hat man das längst erkannt. Mit ihrem Pilotprojekt Car2go ist die Stadt Vorreiter beim Autoteilen. Bereits 40 Prozent der 18- bis 36-jährigen Führerscheinbesitzer machen mit. Das heißt: Auf dem Führerschein klebt ein Chip, der es erlaubt, zu jeder Tages- und Nachtzeit einen der weiß-blauen Smarts zu starten, die sie in der Stadt sehen oder über das Internet orten. Am besten mit dem Smartphone, welches das Geld verschlungen hat, das jungen Großstädtern das eigene Auto nicht mehr wert ist.

Veronika Beer und Stefanie Gentner, BR-online

Studie: “Timescout – Die Trendstudie von heute und morgen” der tfactory, Agentur für Jugendmarketing, Markt- und Meinungsforschung GmbH, Februar 2010