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ARD-Themenwoche 2011 - 22. bis 27. Mai

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Lang-Lkw (Quelle: Krone)

Öko- oder Monstertruck? Der Streit um die Riesen-LKW

Die überlangen Lkw, die in diesem Jahr in einem Feldversuch in Deutschland getestet werden sollen, sorgen für große Diskussionen. Für die einen sind sie die richtige Lösung, um den wachsenden Güterverkehr zu bewältigen. Für die anderen eine Gefahr für die Verkehrssicherheit. Dahinter steht die Frage: Wie sollen Güter künftig transportiert werden?

Australischer Roadtrain (Quelle: picture-alliance / dpa)Roadtrain in AustralienDie längsten und schwersten Lastzüge der Welt fahren in Australien. Sie werden Road Trains (englisch für Straßen-Züge) genannt und stellen die Versorgung entlegener Orte im Outback sicher, die nicht ans Eisenbahnnetz angeschlossen sind. Road Trains sind bis zu 53,50 Meter lang und können 130 Tonnen transportieren. Dabei dürfen sie bis zu 100 Stundenkilometer fahren. In die Ballungsräume dürfen sie nicht.

Bei uns sind die Dimensionen deutlich kleiner. Bisher ist die Länge von Lkw in Deutschland auf maximal 18,75 Meter begrenzt. Das Bundesverkehrsministerium will nun in einem auf fünf Jahre angelegten Feldversuch Lkw mit einer Länge von bis zu 25,25 Meter und einem zulässigen Gesamtgewicht von bis zu 44 Tonnen testen. Diese Laster, auch “Eurocombi” oder “Gigaliner” genannt, sind also nicht einmal halb so lang wie ein Road Train. In den schwach besiedelten Regionen von Schweden und Finnland sind solche Lkw (mit einem Gewicht bis zu 6o Tonnen) schon seit 40 Jahren unterwegs. Eine EU-Richtlinie von 1996 erlaubt ihren Einsatz in den Ländern der Europäischen Union, eine allgemeine Zulassung gibt es jedoch nicht.

Öko-Laster oder Monstertruck?

Vergleich von Lang- und Standard-Lkw´s (Länge/Gewicht)Vergleich von Lang- und Standard-Lkw´s (Länge/Gewicht) In Deutschland hat der Einsatz von Riesen-Lkw in jüngster Zeit für Streit gesorgt. An dem – ursprünglich für das gesamte Bundesgebiet geplanten – “Feldversuch mit innovativen Nutzfahrzeugen” wollen sich nur acht Bundesländer beteiligen: Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Die übrigen Länder sind gegen den Versuch: Je nach Sichtweise ist vom “Öko-Laster” oder vom “Monstertruck” die Rede.

Zu den Befürwortern gehören ein Teil der Bundes- und einige Landesregierungen, die Lkw-Hersteller, einige Speditionen sowie Vertreter der Großindustrie. Sie sprechen von einem innovativen Nutzfahrzeugkonzept, einer maßvollen Anhebung von Gewicht und Länge und heben die Effizienz und Umweltfreundlichkeit der Laster hervor. Spritverbrauch und CO2-Ausstoß seien geringer, weil zwei überlange Lkw drei herkömmliche ersetzen könnten. Statt bisher 34 kann ein “Lang-Lkw”, wie ihn Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) nennt, 53 Paletten transportieren.

Koalition der Kritiker

Ramsauers Vorgänger Wolfgang Tiefensee (SPD) hatte sich im Jahr 2007 gegen die Nutzung der überlangen Laster ausgesprochen. Die Zahl der Kritiker ist seitdem weiter gewachsen. Zu ihnen gehören einige Landesregierungen, Gewerkschaften, kommunale Verbände, Autoclubs, Bahnverbände und Umweltschützer. Sie sehen eine Reihe von Nachteilen: Sie befürchten, dass die überlangen Lkw zu einem Sicherheitsrisiko werden könnten. Die Riesenlaster könnten Bahnübergange oder Kreuzungen verstopfen, im Kreisverkehr stecken bleiben oder das Überholen unsicherer machen. Überholweg und -dauerÜberholweg und -dauer

Außerdem beklagen die Gegner, der Feldversuch sei ein Anreiz, den Güterverkehr vom Binnenschiff oder der Eisenbahn auf die Straße zu verlagern. Schon heute seien viele Autofahrer von zahlreichen Staus, Unfällen und den Elefantenrennen der Lkw genervt. Zudem seien hohe Kosten für die Infrastruktur  wie beispielsweise Stellplätze, Brandschutz in Tunneln oder erhöhter Fahrbahnverschleiß nötig. Die Kritiker befürchten, dass die Begrenzung des Gewichts auf 44 Tonnen nur ein Zwischenschritt zum 60-Tonner sei und  bezweifeln, dass es wirklich zu einer Entlastung im Straßenverkehr kommen wird.

Logistik-Experte Alexander Eisenkopf von der Zeppelin University in Friedrichshafen hält manche Kritik an den Riesenlastern für überzogen: “Wenn wir den wachsenden Güterverkehr vernünftig abwickeln wollen, können wir uns bei diesem Thema kein komplettes Denkverbot leisten. Wir müssen auch systemintern die Effizienzmöglichkeiten ausschöpfen.” Und da könne der Lang-Lkw eine Lösungsmöglichkeit sein. “Wenn die Riesen-Lkw etwa im Zulieferverkehr nur die Autobahn nutzen, um von Werksgelände zu Werksgelände zu kommen, ließe sich das schon so organisieren, dass hier kein Sicherheitsrisiko aufkommt,”  führt der Professor fort. Sinnvoll sei, diese Fahrzeuge nur auf bestimmten Strecken zuzulassen. “Sie sollten sicher nicht in die letzten Dörfer hereinfahren dürfen,” meint Eisenkopf.

Experte: “Schiene spielt in vielen Bereichen keine Rolle”

Prognosen gehen von einem massiven Wachstum des Güterverkehrs in den nächsten Jahren aus. Deutschland als Exportnation und wichtiges Transitland wird davon stark betroffen sein. Der mit Abstand größte Teil von Gütern muss auch dann  weiter auf der Straße transportiert werden.

Entwicklung des GüterverkehrsEntwicklung des Güterverkehrs”In vielen Bereichen der Industrie – zum Beispiel im Maschinenbau oder im Automobilbau – spielt die Schiene gar keine große Rolle,” erläutert Eisenkopf. In der Automobilindustrie beispielsweise würden Zulieferer über zeitlich eng getaktete logistische Konzepte wie “Just-in-time” oder sogar “Just-in-Sequence”  an die Hersteller angebunden. “Das kann man mit dem Zug schlecht machen. Der Zug ist nur effizient, wenn man eine lange, schwere und über eine möglichst große Entfernung laufende Einheit hat,” meint der Experte.

Die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene scheitere zudem an der Menge, meint Eisenkopf. Selbst wenn man Güter im stärkeren Maße auf der Schiene transportieren würde, müsse man im Vor- oder Nachlauf auf der Straße unterwegs sein, weil längst nicht alle Unternehmen über einen eigenen Gleisanschluss verfügen. Es scheint, als gäbe es keine sinnvolle Alternative zum Riesen-Lkw.

Björn Lilienthal, SWR.de

  1. 1

    Verbraucher 28.05.2011 | 12:13 Uhr

    Die LKW verstopfen auf Autobahnen i.d.R. 2 Fahrspuren. Auf der dritten dürfen sich dann die PKW´s riskant vorbeischlängeln. Die schwerfälligen Monstertrucks werden das noch verschärfen. Sie zerstören die Straßen, (...) deren Reparatur dann der Steuerzahler teuer bezahlen muss. Nutzen hat nur der Geldbeutel der Fabrikanten. Schluss mit der Herumkarrerei von Produktkomponenten durch ganz Europa und des Just-in-Time als fahrende Lagerhalle. Hier müssen andere Anreize her anstatt der teuren Reparaturen.Mehr zeigenWeniger zeigen