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Die Kursteilnehmer schauen Wolfgang Kaping über die SchulterDer große, schlanke Mann mit den buschigen Augenbrauen macht einen souveränen Eindruck. Seit fast zwei Jahren ist Wolfgang Kaping im Seniorenzentrum Roderbruch als freiwilliger PC-Trainer im Einsatz. Jeweils vier bis fünf Senioren lassen sich von ihm grundlegende Computerkenntnisse vermitteln.

“Wieso geht das hier jetzt nicht?”, “Soll ich hier drauf klicken?”, “Wieso geht der denn nicht an?”. Wolfgang Kaping begegnet den Fragen, die auf ihn einprasseln, mit Gelassenheit. “Ja, haben Sie denn den Stecker eingesteckt?”, fragt er ruhig zurück. Nein, das hatte die Teilnehmerin vergessen. Schnell ist der Fehler behoben und das Notebook fährt hoch. Heute will Wolfgang Kaping seine vier Senioren auf ihren ersten Schritten ins Internet begleiten.

Eine neue Welt entdecken

Es ist die vierte Unterrichtseinheit. Nach den Grundlagen über Betriebssystem und Ordnerstrukturen soll es nun in die unbekannten Sphären des World Wide Web geben. Doch zuvor wird erst einmal ein Virenscanner installiert. Was Wolfgang Kaping anfasst, das macht er gründlich. “Ich bin ein kritischer Computerbenutzer”, sagt er von sich selbst. “Die Leute wollen immer das Rad neu erfinden.” Für ihn geht es ausschließlich darum, seinen Kursteilnehmern einen praktischen Nutzen zu vermitteln. Dazu gehört zum Beispiel das Schreiben, Speichern und Drucken von Briefen oder das Empfangen und Versenden von E-Mails.

Die Kursteilnehmer schauen Wolfgang Kaping über die Schulter

Ein Senior als Trainer

Auch Wolfgang Kaping ist ein Späteinsteiger in Sachen Computer. “Ich habe mit 50 Jahren überhaupt das erste Mal einen Computer bedient”, erzählt er. Seine Kenntnisse hat er sich allesamt selbst angeeignet. 26 Jahre hat er für Telefunken gearbeitet. Zunächst in Berlin, später in Hannover. Danach war er in der Erwachsenenbildung tätig. Nichtstun kam für ihn nach der Pensionierung nicht in Frage. “Wenn man dann raus ist aus dem Berufsleben, nur zu Hause zu hocken, das ist dann auch nicht das Richtige”, sagt Kaping. Deshalb sah er sich bald nach neuen Tätigkeiten um.

Im Freiwilligenzentrum hört er sich um, macht bald darauf eine Ausbildung zum “Senior Trainer”. Bald knüpft er die ersten Kontakte zum Seniorenzentrum Roderbruch. Im Sommer 2007 übernimmt er den Job als Computer-Trainer für Senioren. Seitdem ist der 67-Jährige mit vollem Einsatz dabei. Obwohl er in einem ganz anderen Stadtteil lebt, nimmt er die zwanzigminütige Autofahrt in den Roderbruch jede Woche auf sich, um “seinen” Senioren den Umgang mit dem Computer nahe zu bringen.

Spaß an der freiwilligen Arbeit

In seinem Stadtteil wird er mitunter auf den freiwilligen Einsatz im fremden Stadtteil angesprochen “Ach, du bist Ehrenamtlicher? Warum denn nicht bei uns?” “Naja, das hat sich so ergeben”, sagt er dann. “Und in diesem Bezirk sind die Leute ja nun nicht so gut situiert”, deshalb hilft er gern. Und noch etwas mag er an seiner Arbeit: “Man hat Raum und kann frei gestalten.”

Zehn Personen gehören zum engeren Kern der Ehrenamtlichen im Seniorenzentrum Roderbruch. Sie organisieren sich weitgehend selbst. Eine Hauptamtliche Mitarbeiterin im Kommunalen Seniorenservice der Stadt sei halbtags mit der Betreuung der Seniorenarbeit im Stadtteil betraut, erzählt Kaping. Im Einzugsgebiet wohnen viele Migranten. Auch eine Türkin und eine Russin sind in der Kerngruppe aktiv und versuchen, ihre Landsleute für die Angebote im Stadtteil zu gewinnen. Dabei zeigt sich, dass es nicht immer einfach ist, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu integrieren. “Das ist relativ schwierig”, sagt Kaping.

Selbstständigkeit ist ganz wichtig

Neben den Leuten aus dem Kernteam, die sich um die regelmäßigen Angebote des Seniorenzentrums wie Filmnachmittage, Gesprächskreise oder eben die zehnwöchigen PC-Kurse kümmern, gibt es noch einen erweitern Kreis von Ehrenamtlichen. “Und dann gibt es natürlich noch viele, viele weitere freiwillige Helfer“, sagt Kaping. Sie übernehmen nicht unbedingt feste Schichten, sorgen aber neben den “festen” Ehrenamtlichen dafür, dass bei den Seniorennachmittagen alles glatt läuft, planen Fahrradtouren oder begleiten je nach Interesse eine Besichtigung oder einen Ausflug. “Es soll ja freiwillig sein. Deshalb haben wir uns geschworen, bloß nicht mit vielen Hierarchien einzugreifen.”

Und das scheint auch an diesem Nachmittag gut zu funktionieren. Das Kernteam ist zu einer Besprechung verabredet. Dass Kapings Computerkurs parallel stattfindet, ist ein Planungsfehler – aber nicht weiter schlimm. Ohne Zögern weicht die Besprechungsrunde in den kleinen Büroraum aus. Improvisationstalent gehört nun einmal dazu, bei den Ehrenamtlichen in Roderbruch.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben von Sven Glagow

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